Impulstext im November 2025

Seit den späten 1990er Jahren hat sich Halloween auch in unseren Breiten etabliert. Die keltischen und hoch religiösen Ursprünge sind nicht mehr deutlich sichtbar. Eine gute Gelegenheit, die Ursprünge zu beleuchten und einen Transfer zu wagen.

Was würden unsere Ahnen sagen

Seit den späten 1990er Jahren haben sich auch in unseren Breiten mehr und mehr verschiedene Brauchtümer rund um Halloween etabliert. In seiner heutigen Form wird das - ursprünglich aus dem keltischen Raum stammende - Fest vor allem in den USA begangen - und hat seinen Weg nun auch in unseren Kulturraum gefunden.

Das besondere Merkmal dieses Festes ist, dass für einen Tag die Welt der Lebenden und die Welt der Toten zu verschwimmen scheinen. Menschen dekorieren ihre Vorgärten wie einen Friedhof, hängen sich Fledermausfiguren ins Fenster und stellen leuchtende Kürbisse, in die Fratzen geschnitzt sind, vor die Häuser. Kinder und Jugendliche streifen in oft gruseliger Verkleidung von Tür zu Tür und fragen nach Süssigkeiten. Bekommen sie dabei keine Süssigkeiten, droht den Hausbesitzern ein Streich. «Süsses oder Saures» (‘trick or treat’) ist der Wahlspruch, mit dem die Kinder auf Tour sind.

Die Ursprünge des Brauchs gehen auf das keltische Fest Samhain zurück. Die Übergänge vom Herbst in den Winter und vom Winter in den Frühling werden in vielen Kulturen religiös interpretiert. Der Übergang in die dunkle Jahreszeit wird gedeutet als Zeit des Todes. Der Übergang in den Frühling wird zur Zeit der Wiedergeburt, der Auferstehung.

Im 9. Jahrhundert wurde der keltische Brauch christianisiert. Christliste Feste beginnen bereits am Vorabend und so leitet sich das Wort «Halloween» vom Begriff «All Hallows Eve» (Abend vor Allerheiligen) ab.

In den Tagen zwischen Oktober und November ist der Übergang besonders stark spürbar, denn Übergänge sind oft auch mit inneren wie auch äusseren Veränderungen verbunden. Die Welt der Lebenden und die Welt der Toten kommen sich nahe und man glaubte, dass Ahnen und Geister in dieser Zeit des Übergangs nochmals in die Welt der Lebenden zurückkehren. Die Menschen bemühten sich also, alles dafür zu tun, dass die Geister nicht in Häuser einkehren, sondern draussen bleiben. Man begann bspw. Fratzen in Rüben zu schnitzen und diese vor den Häusern aufzustellen. Man wollte so die Geister täuschen, dass in diesem Haus bereits ein Geist zu Besuch sei. Man zündete grosse Feuer an, um die Geister von den Häusern fernzuhalten und brachte die Lieblingsspeisen der Verstorbenen zu den Gräbern. Und wie so oft im (christlichen) Brauchtum wurden Geschichten irgendwann inszeniert – und man verkleidete sich, um den Charakteren ein sinnliches Bild zu geben. Und wie so oft sind es Kinder, die in diese Rollen schlüpfen und Geschichten verkörpern.

Der Grundgedanke von «All Hallows Eve» ist so betrachtet weder fremd noch dämonisch. Was daraus geworden ist, ist eine andere Frage. Aber der Grundgedanke stimmt mich nachdenklich.

In dieser Zeit des Übergangs vom Herbst in den Winter spüren wir vielleicht stärker als sonst, dass wir uns als Menschen immer zwischen den Welten bewegen. Da ist die Welt derer, die vor uns gelebt und die uns unsere heutige Welt hinterlassen haben. Wir sehen uns konfrontiert mit den Geistern der Vergangenheit, die jederzeit wieder Dämonen der Gegenwart sein und unser Leben in Frage stellen können. Wir versuchen, uns vor den Dämonen zu schützen und gleichzeitig die Geister unserer Vorfahren und Ahnen zu achten.

Vielleicht fällt aber auch alles zusammen. Man stelle sich nur vor, die eigenen Vorfahren kämen aus dem Jenseits zu Besuch und sässen eines Abends bei uns am Küchentisch. Meine Grosseltern haben beide im zweiten Weltkrieg gedient. Welches Gespräch würde sich ergeben? Früher wurden unsere Grosseltern gefragt: «Warum habt ihr nichts getan? Wie konntet ihr nur…». Und vielleicht würde meine Grosseltern mich umgekehrt fragen: «Unsere Zeit ist vorbei. Aber warum tust du nichts?» Und wie meine Grossmutter einst, so sage ich heute: «Was soll ich denn tun?»

Es wäre vielleicht ein Anfang, Signale zu setzen. Ein Licht anzuzünden, um die bösen Geister zu vertreiben. Klare Zeichen gegen Hasskommentare im Internet. Gegen Populismus und das Verbreiten von falschen Fakten. Gegen Fremdenhass und gegen die Glorifizierung von Nationalismus. Gegen Aufrüstungswahn und Machtfantasien. Ich muss den umherschwirrenden Geistern signalisieren, dass in meinem Haus kein Platz ist für jemanden, der die Menschenwürde, egal von wem, einschränkt oder missachtet.

Diese Dämonen sind nicht willkommen und wir sollten uns trotz aller drohenden Gefahren weder verschanzen noch verstecken, sondern uns bildhaft gesprochen mit Süssigkeiten bewaffnen und herzlich, menschenfreundlich und offen der Welt zuwenden und dazu beitragen, dass Glaube, Hoffnung und Liebe die Gesellschaft wieder tragen.

 


Eric Petrini | Theologe
Fachbereich der Katholischen Kirche im Kanton Graubünden
Jugendseelsorge / Ökumene / Pastoral