Impulstext im September 2022
Impulstext im Oktober 22
Als wir etwas oberhalb von Sumvitg das Auto abstellten, stand die Sonne hoch golden am frühherbstlichen Himmel. Aus einem Brunnen plätscherte Wasser und es standen Becher und auch verschiedene Sirupe bereit, um den Durst zu stillen. Meine Begleiterin führt uns einige Schritte weiter den Weg entlang zu der wunderschönen und einzigartigen Kapelle Sogn Benedetg.
Die Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg schmiegt sich so einfühlsam in diese Landschaft, dass man sie fast übersehen könnte. Sie ist von aussen mit Holzschindeln bedeckt und lässt mich etwas an einen Hof oder ein Bauernhaus denken. Dazu der Glockenturm, der an eine hölzerne Leiter erinnert, die sich aufrecht wie von göttlicher Hand gehalten in den Himmel reckt.

Meine Begleiterin erzählt: 1984 wurde die alte barocke Kapelle durch eine Lawine zerstört. Das Kloster Disentis beschloss den Neubau einer Kapelle. Von 1985-89 wurde dann nur wenig entfernt vom alten Ort diese neue, einzigartige und sehenswerte Kapelle vom bekannten Architekten Peter Zumthor errichtet. Von aussen schmiegt sie sich perfekt in die Landschaft und passt in die bäuerliche Umgebung. Von innen ist sie geprägt von schlichtester Eleganz. Irgendwie erinnert mich das Innere an ein Schiff. Die Kirche als Schiff, umgeworfen in den Wogen der Zeit, in der Christus die ruhende Mitte ist.

Die hölzernen Rippen lassen mich aber auch wieder an einen Fisch denken, der mich «Christus, Gottes Sohn und Erlöser» bekennen lässt. Ich denke aber auch an Jona im Bauch des Wales, der sein ganzes Vertrauen zu Gott lenkt und betet: «In meiner Not rief ich zum Herrn. Und er erhörte mich.»
Fast noch mehr aber berührte mich, was aus der alten Kapelle wurde. Sie geht auf das 9. Jhd zurück und über 1000 Jahre trotzte sie allen Stürmen, bis sie 1984 von einer Lawine zerstört wurde. 20 Jahre lang stand sie als Ruine vor dem Zerfall, bis sie 2013 liebevoll restauriert und 2016 neu geweiht wurde.

Jetzt steht sie da als Kirche inmitten einer Ruine. Ohne Tür, ohne Wand und ohne Dach. Und doch eine Kirche, die sehr viel Geborgenheit und Wärme bietet. Eine Kirche, die wirklich offen ist – und die auf eine denkbar grosszügige Art Platz bietet. Ich kann nicht schätzen, wie viele Gäste beispielsweise bei einer Trauung dort sitzen könnten. Aber diese Kirche öffnet den Raum bis in den Himmel. Schier grenzenlos scheint diese Ruinenkirche das Vertrauen des Jona zu wiederholen: «Ich dachte, ich bin aus deiner Nähe verstossen. […] Doch Du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, Herr mein Gott.»
Ich komme nicht umhin, in beiden Kapellen ein Sinnbild zu sehen. Eine uralte Kirche, die durch eine (oder auch mehrere) Lawinen teilweise zerstört wurde und nicht mehr so aufgebaut wurde, wie sie vorher war. Es entsteht etwas Neues, ohne das Alte zu vergessen oder abzureissen und ohne das Alte als Ewiggültiges zu beschwören. Ein neuer Raum der Hoffnung, der sich einschmiegt in unsere Zeit und Geschichte, der kein Fremdkörper ist, sondern ein Zeichen des Segens- und dem Alten damit Raum und Tor öffnet, um ein Zeichen des Vertrauens, der Beständigkeit und der Geborgenheit zu sein.

Gott segne uns, dass wir an einer Kirche bauen, in der Hoffnung und Vertrauen einen Raum zum Himmel formen, der keine Grenzen kennt.
Eric Petrini
