Impulstext im September 2026
Das Suchen nach Sprache*
Wie finden Menschen eine Sprache für religiöse Erfahrungen und wie können sie dabei unterstützt werden?
Sprache bietet Möglichkeiten und Grenzen, die Welt zu verstehen und sich in der Welt zu orientieren. Und gleichauf sucht der Mensch nach Möglichkeiten, sein Inneres ausdrücken und Erfahrungen mit dem Transzendenten sprachlich zu erfassen - obwohl Gott sich weder sprachlich noch im Verstand vollumfänglich erfassen lässt.
Der Erwerb der religiösen Sprache kann mit dem allgemeinen Spracherwerb verglichen und deshalb auch entsprechend mit geeigneten Methoden gefördert werden.
Religiöse Bildung und sprachliches Lernen muss als Einheit gesehen werden. Das Ziel muss heissen, weniger oft bedeutungsleere Muster zu vermitteln, sondern das Sprechen in Sprachmustern zu fördern, um die oft fremd wirkende Sprache der Religion wieder mit Bedeutung zu füllen.
Die Ergebnisse der empirischen Studie lassen aufhorchen und weisen neue Wege für den Religionsunterricht.
Abstrakt
Warum ist ein Tisch ein Tisch und nicht vielmehr ein Stuhl? Diese Frage ist spontan nur schwer exakt zu beantworten. Nur wenn man sich von der äusseren Erscheinung löst und den Gegenstand in der Anwendung betrachtet, lässt sich die Frage beantworten. Wenn es nun schon bei Gegenständen nicht einfach ist, sich auf eine eindeutige Beschreibung zu einigen, wie komplex wird dann die Verbindung von Bedeutung und Bezeichnung, wenn es gilt, Gedanken und Empfindungen auszudrücken.
Warum ein Tisch ein Tisch ist und nicht vielmehr ein Stuhl, lässt sich irgendwann aufgrund von erfahrungsbasierten Konventionen lösen. Die Frage: «Was macht Dir Angst?» oder «Woran glaubst Du?» oder «Wer ist eigentlich Gott?» bringt den nach Antwort suchenden Menschen an sprachlichen Grenzen, die sich als das Suchen nach den richtigen Worten bzw. dem Suchen nach Sprache darstellt.
Das Suchen nach Sprache ist ein lebenslanger Lernprozess. Die religiöse Sprachwerdung wird verstanden als engste Verknüpfung von Religion und Sprache in einem lebenslangen Lernprozess – einem sprachlich begleiteten und immer weiter sich entfaltendem Suchen nach den richtigen Worten, um eine Erfahrung mit dem Göttlichen auszudrücken. Hierbei wird weit mehr als nur der verbale Ausdruck in den Blick genommen – alles kann zur Sprache werden. Selbst das Schweigen wird zur religiösen Sprache, wenn damit eine innere Bedeutung, eine Regung, ein Gedanke und letztlich eine Gotteserfahrung oder eine Haltung Gott gegenüber ausgedrückt wird.
Sprache fasziniert in all ihrer Vielschichtigkeit und all den Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks. Psychomotorische, entwicklungspsychologische, theologische und religiöse Dimensionen von Sprache lassen ahnen, dass die Aneignung einer religiösen Sprache ähnliche Prozesse durchläuft wie der Erwerb jeder anderen Sprache.
Mit Blick auf die Religion und ihre Sprachen bietet die Theorie des Sprachspiels einen interessanten Zugang, das Erlernen des religiösen Sprechens als lebensrelevanter und vor allem vielschichten Prozess zu verstehen. Die Theorie des religiösen Sprachspiels bedeutet, dass Menschen auf ihrem religiösen Weg die Sprache der Religion und das religiöse Sprechen vor allem in der Anwendung erlernen. Sprache als Sprachspiel verstanden lebt davon, dass sie gesprochen wird. Ein Gebet kann nur leben, wenn es gebetet wird. Und es lebt, wenn das Gebet etwas bedeutet. Nicht nur im Verstand, sondern im Herzen und noch viel tiefer auf der Ebene des Glaubens.
Ein reines Übernehmen religiöser (Sprach-) Muster, ohne den Mustern eine Bedeutung beizumessen, führt zu einer Aushöhlung der religiösen Sprache. Die Menschen verlieren damit die Fähigkeit, mit und über Gott zu kommunizieren und individuelle Glaubenserfahrungen auszudrücken. Wenn sich religiöse Sprache und das Reden über Gott - und vor allem das Reden mit Gott - nur in übernommenen und tradierten Mustern bewegt, werden am Ende nur noch Erfahrungen der Vergangenheit rezitiert - wie in einem Museum. Wenn der Glaube sich also nicht nur als Erlernen und Hineinwachsen in überlieferte Traditionen versteht, sondern auch als Antwort des Menschen auf den immer neuen Anruf Gottes, dann muss die religiöse Sprachfähigkeit den Bogen schlagen zwischen Tradition und Aktualität. Die religiöse Sprachfähigkeit muss - wie das Betriebssystem unsrer Handys - regelmässig aktualisiert werden.
Religion und Sprache sind immer als Einheit zu sehen. Es gilt in einem mehrfachen Wechselspiel, den nach Sprache suchenden Menschen sowohl die Sprache der Religion zu vermitteln als auch das Anwenden religiöser Sprache zu ermöglichen.
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Das Forschungsprojet Religion und Sprache unterstreicht die Bedeutung, religiöses und sprachliches Lernen als Einheit zu sehen und möchte anregen, nicht nur Sprachmuster zu vermitteln, sondern das Sprechen in den Sprachmustern zu fördern. Denn nur durch die Anwendung der religiösen Sprache im religiösen Sprechen können Erfahrungen entstehen und Bedeutungen wachsen. Eine Sprache ohne Bedeutung ist letztlich nur das Verschieben von Sprachhülsen. Es muss Aufgabe der religiösen Bildung sein, sprachliches und religiöses Lernen als Einheit zu verstehen und die zum Teil leere Sprache der Religion wieder mit religiösen Inhalten zu füllen.
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Eric Petrini | Theologe
Leiter Fachbereich Jugendpastoral & Ökumene
Mitarbeit Fachbereich Ausbildung ForModula
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*Eric Petrini: Das Suchen nach Sprache. Dimensionen der Sprachbildung und ihre Bedeutung für den religionspädagogischen Bildungsprozess (Religionspädagogik innovativ 65). Kohlhammer 2026
