Impulstext im Oktober 2022
Monatsimpuls Oktober 2022
Die reformierte Kirche in Seewis lässt heute kaum ahnen, dass das Prättigau und damit auch Seewis vor 400 Jahren der Schauplatz eines politischen Machtkampfes von internationalem Ausmass war. Mit einigen künstlerischen und erzählerischen Ausschmückungen zur Anregung der Fantasie könnte die Geschichte um den Heiligen Fidelis auch gutes Material für einen spannungsgeladenen Film sein:
Im 30-jährigen Krieg (1618-1648) wurden die Machtverhältnisse in Europa neu sortiert. Doch nicht nur die grossen Königshäuser und alt etablierten Herrschaften mussten sich neu finden. Auch im Prättigau wurde so manches neu definiert. So bekannten sich dann die Prättigauer zunehmend zum reformierten Glauben, was auch im neu sortierten Europa für Kontroversen sorgte. Verliefen doch wichtige Handelsrouten zwischen Wien und Mailand, Paris und Venedig durch das Prättigau.
Die Habsburger Herrschaft versuchte nun um das Jahr 1619/20 durch militärisches Eingreifen das Prättigau zurückzuerobern. Im Zuge dieses Prättigauer Krieges wurde auch der Sigmaringer Kapuzinermönch Fidelis von seinem Heimatkloster in Feldkirch als Bekehrungsprediger in den Prättigau entsandt. Gestützt durch den päpstlichen Auftrag zur Gegenreform und bestätigt durch den Bischof von Chur begann Fidelis seine Tätigkeit als Prediger zur Bekehrung der abtrünnigen Prättigauer.
Etwas, auf das die Bevölkerung so gar nicht gewartet hatte. Natürlich wehrte sich die Bevölkerung sowohl gegen die Habsburger Besatzung als auch gegen die katholischen Bekehrungsversuche. Am 24. April 1622 gipfelte dieser Teil der Geschichte in einem Mordanschlag, der unserem Film nun die nötige Dramaturgie verleiht. Wirklich rekonstruieren lassen sich die Ereignisse nicht, denn natürlich gibt es eine reformierte und eine katholische Sicht der Dinge.

Jedenfalls: Fidelis sollte auf eine Einladung hin in der reformierten Kirche von Seewis predigen. Österreichische Soldaten begleiteten ihn. Die einen sagen zu seinem Schutz und die anderen sagen, sie sollten die Bauern in die Kirche treiben. Die einen sagen, die Soldaten standen vor der Kirche Wache. Die anderen sagen, sie standen in der Kirche vor Fidelis. Die Bauern in der Kirche waren jedenfalls wenig erfreut und es kam zu einem Tumult. Es fielen Schüsse, doch ob mit reformiertem oder katholischem Pulver abgefeuert, ist nicht mehr festzustellen. Eine Kugel landete wohl in der Kanzel, auf der Fidelis predigte. Die einen sagen, Fidelis ergriff auf Anraten des reformierten Messmers umgehend die Flucht, die anderen lassen Fidelis erst die Soldaten zum Kampf auffordern. Zumindest wurden die Soldaten alle durch den wütenden Mob erschlagen.
Fidelis verliess unterdessen durch die Hintertür die Kirche. Die Flucht blieb nicht unbemerkt und so wurde er etwas unterhalb der Kirche, dort, wo heute der Fidelisbrunnen steht, vom Mob eingeholt und im entstandenen Tumult durch zahlreiche Schläge und Stiche erschlagen. Die katholische Version schmückt diesen Moment so aus, dass Fidelis aufgrund seines Eifers für seine Glaubensüberzeugung zum Märtyrer wurde. Die reformierte Version beschreibt die Sicht der Bevölkerung, die sich in einem aufgebrachten Tumult gegen die Besatzung und Bekehrungsversuche zur Wehr setzte.
Der Leichnam wurde daraufhin schnell neben der Kirchenmauer verschachert. Einige Monate später wurden zwei Kapuziner aus Feldkirch geschickt, um die sterblichen Überreste zu bergen. In einer nächtlichen Aktion, so ranken die Legenden, gelang es Ihnen zwar das Grab zu öffnen, aber da ihr Treiben bemerkt wurde, konnten sie nur das Haupt und den linken Arm aus dem Grabe reissen und sie wurden in die Flucht getrieben. Zumindest werden heute der Kopf und die linke Hand als Reliquien in Feldkirch verehrt.
Später im Herbst 1622 entsandten die Österreicher neue Truppen, die im Prättigau auf grausame Weise ihre Rache vollzogen und dabei auch die sterblichen Überreste Fidelis bargen. Der Leichnam fand aber seinen Weg nicht bis Feldkirch, sondern der österreichische Trupp wurde im Churer Rheintal bei Maienfeld von einem Trupp des Churer Bischofs abgefangen, die den Leichnam beschlagnahmten und nach Chur überstellten.
Rund 100 Jahre später wurde Fidelis in den Kanon der Seligen aufgenommen und 1746 heiliggesprochen. Seine Reliquien werden an vielen Orten verehrt, so u.a. in Feldkirch, Chur, Appenzell und Sigmaringen, wo die Verehrung des Heiligen vor allem in einem speziellen Brauchtum Ausdruck findet, welches sich um die Wiege rankt, in der Fidelis als Kind gebettet wurde.

(c) Joachim Schäfer: www.heiligenlexikon.de/Fidelis
Nochmal 300 Jahre später steht Fidelis wieder im Zentrum einer internationalen Operation. Zum 400 Jahr-Gedenken wurde das Fidelis-Jahr gefeiert , welches jetzt im Oktober ausklingt. In diesem Rahmen wurden über das Jahr zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt, die eine Brücke schlugen von Seewis bis Feldkirch und Sigmaringen. So stand beispielsweise Bischof Bonnemain im April 2022 einem Festgottesdienst in Sigmaringen vor und auch im Prättigau gab es einige Veranstaltungen. Der Auftakt der Festlichkeiten war aber ein Akt der Versöhnung. In einem Gottesdienst reichten sich Bischof Joseph und Thomas Müller, der Bündner Dekan der reformierten Kirche, nicht nur die Hand zum Zeichen des Friedens. Sie umarmten einander als Zeichen, dass die Geschichte zwar vom Ringen um Wahrheit geschrieben wird, aber dass die Geschichte dann in Geschwisterlichkeit enden muss.

Die spannungsgeladene und drehbuchtaugliche Geschichte des Fidelis von Sigmaringen bekommt nun einen tiefgründigen Hintergrund. Lars Gschwend ist der Gemeindeleiter von Seewis-Pardisla. Er (und auch andere Mitarbeitende) führte zahlreiche Besuchergruppen durch das Dorf, immer entlang verschiedener Stationen, die mit dem (Nach-)Wirken des Fidelis zu tun haben. Seine Schilderungen sind kurzweilig, spannend, interessant, auch unterhaltsam - und regen zum Nachdenken an. So oft Lars Gschwend sagt: «die katholische Version der Geschichte sagt dies, und die reformierte Version sagt das», so oft muss ich unwillkürlich über gängige Wahrheitsbegriffe nachdenken.
Hier wird ein und derselbe Kern aus verschiedenen Blickwinkeln wiedergegeben und überliefert. Oder anders: Ein wahrer Kern wird in zwei verschiedenen Wahrheiten überliefert, die aber beide Wahres beinhalten - und in der je eigenen Erzähltradition aus ihrem Blickwinkel heraus wiedergegeben. Warum muss ich nun - auf der Suche nach Gewissheit und Identität - meiner Wahrheit dadurch einen Geltungsanspruch verschaffen, dass ich andere Wahrheiten zerschlage? Wenn doch der Kern schon derselbe ist, könnte ich dann nicht die vermeintlichen Gegensätze als besondere Eigenart akzeptieren und gleichzeitig den gemeinsamen Kern freilegen, sodass ich mich, geprägt von meiner eigenen Tradition, doch von mehreren Seiten dem nähern kann, was wahr ist?
Ich weiss nicht, wen ich mit der Hauptrolle besetzen würde, sollte die Geschichte des Fidelis je verfilmt werden. Und ich weiss auch noch nicht, welche Rolle ich selbst in diesem Film spielen mag. Aber im Abspann würde ich gerne sinngemäss die Worte von Bischof Joseph vom Versöhnungsgottesdienst in Seewis hören: «Wir wollen Friedensstifterinnen und Friedensstifter sein. Viele glauben, dass wir uns mit der Vergangenheit abfinden müssen. Aber Gott ist der Herr der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Bei Gott ist nichts endgültig. Mit Gott können wir sogar die Vergangenheit verwandeln. Geben wir der Geschichte einen neuen Ausgang, damit die Vergangenheit in Geschwisterlichkeit mündet. Wir wollen die Geschichte neu schreiben und sie verändern. Und diese Geschichte endet in Geschwisterlichkeit.»
Eric Petrini
