Impulstext im November 2022
Impulstext im November 2022
Vor einigen Wochen habe ich einen Gottesdienst in der grossartigen und altehrwürdigen Kathedrale meiner Heimatstadt besucht. Die Messe war klassisch, die Predigt hatte gute Impulse und in der Kirche war es bitterkalt. Vielleicht ist mir gerade darum auch folgende Fürbitte hängengeblieben: «Wir beten für die, die Strom sparen. Wir beten für die, die mit dem Stromsparen ihre Mühe haben. Wir beten auch für die, die auf der politischen Ebene für uns Entscheidungen treffen müssen.»
hohe Domkirche zu Trier
Eine solche Fürbitte hätte ich nicht erwartet. In der Tat ist Sparsamkeit zurzeit nicht nur ein Trend, eine Frage der politischen und auch der sozialen Haltung oder eine Einstellung zum Leben, sondern notwendig. Und da, wo sich eine gesellschaftliche Notwendigkeit mit der individuellen Freiheit kreuzt, ist es durchaus angebracht, für beide Seiten und vor allem einen guten Konsens zu beten und wirklich für jede denkbare Lebenssituation den Beistand Gottes zu erbitten.
Meine persönliche Haltung ist, dass diese Notwendigkeit, Ressourcen einzusparen, schon lange überfällig war. Ich heize meine Wohnung schon lange nicht höher als 21°C, besitze kein eigenes Auto, esse fast kein Fleisch, versuche so oft wie möglich Dinge second-hand zu erwerben. Nicht nur deshalb halte ich es für richtig, unsere Kirchen nun etwas weniger zu heizen als wir es vielleicht gewohnt waren. Wenn ich im Winter im Wintermantel und in Winterschuhen an einem Gottesdienst teilnehme, muss dort wirklich nicht so arg geheizt sein, dass mir der Schweiss ausbricht.
Für mich ist ein nachhaltiger Lebensstil ein hohes Gut. Ich freue mich zwar, dass Nachhaltigkeit nun mit einer gewissen Notwendigkeit eingefordert wird. Aber der Umstand, dass erst ein Krieg uns zum Erkennen dieser Notwendigkeit treibt, ist fast schon eine Schande. Angesichts von Krieg, Tod und Not bleibt kein Raum, sich über die möglichen positiven Auswirkungen auf die Energiewende zu freuen oder gar die Notwendigkeit zum Umdenken gegen die individuelle Freiheit abzuwägen. Die Umstände von Krieg und Not sind immer zum Schreien und zum Verzweifeln und die Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit müssen immer oberste Priorität haben.
Jahrzehntelang haben wir mit der Überzeugung gelebt, dass alles möglich ist. Dass alles zu jeder Zeit und zum bestmöglichen Preis erhältlich ist und der Kosten-Nutzen-Faktor den Markt und sogar die Moral bestimmen. Wo und wie etwas produziert wird, spielte meist nur eine Nebenrolle. Der liberale Markt bestimmte das Leben. Er brachte den meisten von uns einen gewissen Wohlstand und es war letztlich der eigenen Entscheidung überlassen, inwieweit man sich dem Markt unterordnet oder ob man aussteigt. Doch jetzt haben sich die Ausgangslage und auch unser Blick auf die Dinge verändert.
Es bleibt die Hoffnung, dass diese Veränderungen eine Wende im Weltenlauf bedeuten, bevor wir Menschen alle Äste abgesägt haben, auf denen wir sitzen und sämtliche Kartenhäuser zusammenstürzen. Bei einem Vortrag in Schaan sagte kürzlich der bekannte Religionssoziologe Paul Zulehner, dass wir heute in einer taumelnden Welt leben. Es sei gerade darum «unser» primärer Job, sich für «Gottes Friedensbewegung, Gottes Gerechtigkeitsbewegung und Gottes Umweltbewusstsein» einzusetzen.
Die Sorge um die Aufrechterhaltung des liberalen Marktes und das Ausspielen machtpolitischer oder parteipolitischer Streitigkeiten darf die Sorge um Frieden, Gerechtigkeit und das Sorgetragen für die Umwelt nicht in den Hintergrund drängen. Wir wissen darum, dass Frieden, Gerechtigkeit und eine intakte Umwelt die Basis des Lebens sind – wir wissen aber auch, dass der Anspruch sehr hoch ist. Wann gab es je einen Tag ohne Krieg? Wann herrschte je vollkommene Gerechtigkeit? Und wann lebte der Mensch je im Einklang mit der Natur und der Schöpfung? Der Anspruch, den diese Sorge um Gerechtigkeit, Frieden und eine intakte Schöpfung mit sich bringt, ist hoch. Aber sollen wir deshalb diesen Anspruch aufgeben? «Wir beten für die, die Strom sparen. Wir beten für die, die mit dem Stromsparen ihre Mühe habe».
Keine Aufgabe und kein Anspruch sind zu gross, als dass wir nicht wenigstens für die, die mit diesen Herausforderungen konfrontiert sind, beten. Und dabei uns selbst mit in unser Gebet aufnehmen. Und auf Gottes Beistand hoffen. Er wird zwar nicht unsere Probleme lösen, aber er kann uns segnen, sodass wir kurz innerhalten und uns fragen: «Welche Auswirkungen hat mein Tun auf den Frieden, die Gerechtigkeit und auf die Umwelt?»
Im Festgottesdienst von Allerheiligen wurden den Gottesdienstteilnehmenden im Evangelium die Seligpreisungen Jesu verkündigt. Sinngemäss heisst es dort: Gesegnet seien die Trauernden. Gesegnet seien die, die Frieden stiften. Gesegnet seien die, die in Krieg und Not nach einem Überleben suchen. Gesegnet seien die, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Gesegnet sollen all die sein, die in schweren Zeiten ihren Beitrag leisten und die füreinander da sind. Gesegnet seien die, die im Angesicht der Vergänglichkeit des Lebens alles dafür tun, dass das Leben möglich bleibt. Gesegnet seien die, die Strom sparen und gesegnet seien die, die sich damit schwertun. Gesegnet seien die, die einen noch so kleinen Beitrag leisten. Gesegnet seien die, die auf der obersten Ebene Entscheidungen treffen müssen. Gesegnet seien auch wir, Sie, Du und ich.
Impulstext von Eric Petrini
