Impulstext im Juni 2024
Erinnerst Du dich daran, als du das letzte Mal einen Regenbogen gesehen hast? Wo Du da gerade warst und ob Du dich über den Regenbogen gefreut hast? Der Regenbogen ist ja ein Lichterspiel, dass im Auge des Betrachters entsteht, wenn Sonne und Regen gleichzeitig stattfinden bzw. wenn Sonnenstrahlen in den Regentropfen gebrochen werden und dann als aufgespaltenes Licht in unsere Augen gelangt. Wir sehen dann das Licht in seine farbigen Bestandteile aufgebrochen als Regenbogen am Himmel. Der Regenbogen entsteht, weil sich etwas offensichtlich Gegensätzliches verbindet: nämlich Regen und Sonne. Der Regenbogen löst das Gegensätzliche auf und wird zur Brücke zwischen zwei Welten, die sich eigentlich ausschliessen: Wenn die Sonne scheint, kann es nicht regnen. Und wenn es regnet, scheint nicht die Sonne. Ausser die Sonne durchbricht den Regen – und dann entsteht der Regenbogen.
Das Symbol des Regenbogens kennen wir aus dem Buch Genesis und der Sintflut Erzählung. Dort verbindet der Regenbogen Erde und Himmel. Er verbindet Gott und Mensch. Er steht als Zeichen des Bundes und der Treue Gottes trotz aller Boshaftigkeit des Menschen. Er steht dafür, dass die Menschen trotz all ihrer Gegensätzlichkeit miteinander verbunden sind. Der Regenbogen steht für Einheit in Vielfalt. Die Bibel erzählt, dass Gott im Angesicht der Untaten der Menschen beschloss, die Menschen von der Erde zu tilgen. Er wollte es regnen lassen, bis alles Leben auf der Erde ausgelöscht wäre. Nur Noah war vor dem Herrn gerecht. Ihn und seine Familie wählt Gott aus, um eine neue Schöpfung zu begründen. Also gab der Herr dem Noah den Auftrag, eine Arche zu bauen und von allen Lebenswesen immer zwei einer Art mit auf das Schiff zu nehmen. Als männlicher und weiblicher Mensch bzw. als männliches und weibliches Tier bestellt Gott seine Schöpfung auf die Arche. Immer zwei. Viele sehen hier die Binarität der Schöpfung begründet, dabei sind es nur die beiden Pole ein und derselben Art. So wie Licht und Dunkel, Land und Meer, Erde und Himmel. Zwei Pole, zwischen denen ganz viel Leben ist. Denn Gott hat keine binären Gegensätze geschaffen, sondern vielfältige Wesen, die sich ergänzen und am Ende zu einem Ganzen formen.
Denn als die Irrfahrt beendet war und Gott seiner Schöpfung wieder Boden schenkte, setzte er als Zeichen des Bundes den Regenbogen über den Menschen und über jedes Lebewesen. Nie wieder wollte Gott die Erde verderben. Der Regenbogen ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen und allen Lebewesen. Im Regenbogen ist jeder Gegensatz aufgehoben. Jede Binarität wird ins Unendliche gesteigert. Gott segnet nicht Mann und Frau, wie noch in der Schöpfung. Er segnet jeden Menschen und jedes Tier. Und er fordert für das Leben eines jeden Menschen und eines jeden Tieres Rechenschaft.
Unter Gottes Regenbogen hat jeder Mensch seinen Platz. Nicht nur, weil der Bogen unendlich gross ist. Sondern weil dieser Regenbogen jeden einzelnen Menschen anspricht. Der Segen Gottes gilt jedem einzelnen. Jeder einzelne Mensch ist von Gott gesegnet – und bekommt von Gott eine eigene Farbe. Und alle Farben gemeinsam bilden den Regenbogen Gottes, weil wir in Gott wieder eins sind und in ihm vereint werden. Aber der Segen Gottes geht immer in zwei Richtungen. Der Segen, den Gott mir schenkt – dieser Lichtschein, der mich durchdringt und mich in meiner Farbe leuchten lässt – dieser Segen Gottes kann nicht bei mir stehen bleiben. Er muss fliessen. Genauso wie das Licht leuchten muss. Segen ist immer ein Geschenk und ich tragen ihn in mir. Aber um den Bund mit Gott zu beantworten und meinen Teil des Bundes zu tun, muss ich den Segen weitergeben und ihn mit anderen Menschen teilen.
Ich weiss, dass das nicht immer leicht ist. Gott schliesst den Bund mit dem Menschen, obwohl er weiss, dass wir unseren Teil des Bundesversprechen oft genug nicht einhalten können. Und obwohl er genau weiss, dass wir Menschen uns nach wie vor gegenseitig das Leben schwer machen und oft genug egoistisch statt segensreich handeln.
Es ist schwer genug, den Segen Gottes in dieser Welt - und in so manchem Mitmenschen noch wahrzunehmen. Aber dann auch noch das Wenige an Segen, das ich überhaupt noch finden kann, mit dieser Welt teilen? Das fällt mir oft genug sehr schwer. So manche Mitmenschen manchen es mir fast unmöglich, ihnen den Segen zu wünschen oder in ihnen Segen zu erkennen. Und vermutlich geht es nicht nur mir so.
Der Regenbogen entsteht, wenn das Sonnenlicht auf Regentropfen trifft. Aber wenn die Boshaftigkeit bildlich gesprochen das Licht verdeckt, ist es dunkel. Aber gegen die Dunkelheit kann ich etwas tun. Den richtigen Schalter suchen und ihn drücken. Ich muss mich aktiv darum bemühen, das Licht scheinen zu lassen.
Zu oft werden wir mit Dingen konfrontiert, die unser Leben verdunkeln. Und ja, es fällt mir schwer, in den Menschen, die diese Dinge auslösen, den Segen Gottes wahrzunehmen. Aber so schwer es mir auch fällt – so leicht ist es mit Blick auf den Regenbogen, ihnen den Segen Gottes einfach zu wünschen. Wenn Gott den Bund hält, dann sollte ich das auch tun. Ob der Segen bis in das Herz des anderen vordringt und das Herz des anderen verändert, liegt nicht in meiner Hand. Aber die Haltung, bedingungslos jedem Menschen Segen zu wünschen, verändert mich und mein Herz. Gottes Regenbogen überwindet die scheinbaren Gegensätze und lässt mich auch dem, der mir das Licht und meine Kraft raubt, einen Platz einräumen.
So wünsche ich uns allen, dass wir das Licht der Hoffnung im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus dem Augen verlieren – dass Gott uns durch seinen Segen die Gewissheit schenke, dass wir von ihm geliebt sind, egal in welcher Farbe wir leuchten – und dass wir die Kraft finden, auch diejenigen Menschen zu segnen, die uns diese Gewissheit streitig machen wollen. Der Segen Gottes gilt uns alle. So, wie wir alle im und unter dem Regenbogen Gottes unseren Platz haben.
