impulstext im Juni 2023
Es war eine irrsinnig schöne Wanderung irgendwo zwischen Berg und Tal auf einem Weg durch Wälder und Wiesen, auf denen trotz der warmen Maitage noch etwas Schnee lag. Mitten auf dem Weg war eine kleine Lichtung und dort diese wunderschöne kleine Wallfahrtskirche Maria Trost. Leider war diese Kirche mit einem Gitter verschlossen, welches mir aber wenigstens einen kurzen Blick ins Innere gewährte.
Ich war überrascht, wie hell der Raum doch erstrahlte – und fragte mich einmal mehr, warum solch unüberwindbaren Barrieren den Menschen, den Besucher:innen und Pilger:innen, den Weg in solch einen lichterfüllenden Kirchenraum versperren müssen. Ich wäre gerne bis zum Licht eingetaucht – aber ich musste vor den vier Säulen stehenbleiben und versank in eine meditative Statio.
Die vier Säulen, die dem Blick zum Licht Spalier stehen, lassen meine Gedanken kreisen. Als guter Theologe denke ich instinktiv an die vier Grundvollzüge der Kirche: die martyria (die Verkündigung in all ihren Formen), die leiturgia (das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten), die diakonia (jede Form vom Dienst am Nächsten) und die koinonia (das sich entfaltende Leben einer christlichen Gemeinde).
Ich denke auch an die Apostelgeschichte, in der es im zweiten Kapitel über die christlichen Gemeinden heisst: «42Sie (die christlichen Gemeinden) hielten an die Lehre Jesu, wie die Apostel sie verkündeten, fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. 44Alle, die Gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. 45Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. 46Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl.»
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Die Grundvollzüge der Kirche haben sicherlich - wie auch die Kirche selbst - noch immer ihre Bedeutung, auch wenn sich die Vollzüge in den letzten Jahren oder Jahrzenten sehr gewandelt haben. Das ganze Wesen der Kirche ist im steten Wandel. Und das ist gut: zeigt es doch, dass in dieser Kirche Leben und Geist stecken und wir mehr sind als die Verwaltung der Vergangenheit.
Die Verkündigung geschieht längstens nicht mehr (nur) in der Predigt, sondern in jeder Form von Katechese und Religionsunterricht. Jedes Taufgespräch, jede Ehevorbereitung, jedes Trauergespräch, jede Unterrichtsstunde und auch jedes noch so freie Gespräch, wo Menschen sich über ihren Glauben und ihre Hoffnung austauschen oder sich gegenseitig Mut schenken oder auch einfach nur zuhören, ist eine Form von Verkündigung. Wir reden heute nicht mehr von Glaubensunterweisung, sondern von Weitergabe des Glaubens, was einen enormen Unterschied in der eigenen Haltung ausmacht.
Auch die Form der Liturgie hat sich gewandelt – oder besser gesagt: unser Verständnis von Liturgie hat sich geweitet und wird oder wurde zum Geschehen, in welchem sich das Wirken Jesu an seine Nachfolger:innen vollzieht. Jede Form von gottesdienstlicher Gebetsgemeinschaft trägt dazu bei, dass das Leben der Gläubigen «Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi sowie des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird.» (SC 2). Dieser wahren Kirche, so sagt es der Konzilstext, ist es zu eigen, dass sie zugleich göttlich und menschlich ist. Sie besitzt eine sichtbar und eine unsichtbare Dimension. Die Kirche ist voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung. Sie ist in der Welt zugegen und doch unterwegs, und zwar so, dass dabei das Menschliche auf das Göttliche hin- und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf das Ewige. Untergeordnet – möchte ich ergänzen, aber nicht zweitrangig oder unbedeutend.
Der Dienst am Nächsten, was wir als Diakonie umschreiben, hat sich auch sehr stark gewandelt. War früher bloss von den Armen und materiell Hilfsbedürftigen die Rede, richten wir unseren Blick nun immer mehr auf alle Menschen, die irgendwo an Rande stehen. Und wenn wir ehrlich sind, stehen wir doch alle irgendwo und irgendwann am Rande. Sowohl am Rande der Gesellschaft, weil wir irgendwo nicht konform sind. Oder am Rande eines Scheiterns, am Rande unserer Kräfte, am Rande des Ertragbaren. Diakonie möchte ein Dienst genau an der nächsten Person sein, die irgendwo an eine Grenze stösst. Jeder Mensch, der auf der Suche nach einer eigenen Identität ist, ist Empfangender der Diakonie. Jeder Mensch, der nicht mehr ein oder aus weiss – oder an die Grenzen der eigenen Kraft stösst, braucht den Dienst der Diakonie.
Besonders stark haben sich unsere christlichen Gemeinschaften gewandelt. In der Apostelgeschichte hiess es noch: sie bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Ja, in der Tat fühle ich mich sehr stark mit der christlichen Gemeinschaft verbunden. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, mit Teilen dieser Gemeinschaft nichts gemeinsam zu haben. Eine christliche Gemeinschaft ist schon lange nicht mehr unbedingt mit einer Pfarrei gleichzusetzen. Eine Ortspfarrei ist eine Ortspfarrei. Aber «meine» christliche Gemeinschaft suche ich mir selber. Ein überwiegender Grossteil der Christ:innen sucht intensiv eine spirituelle Heimat – aber nicht mehr unbedingt in der eigenen Pfarrei. Aber das bietet eben auch die Chance, neue Gemeinschaften unter dem Dach der Kirche zu finden und auch zu gründen - und den Begriff der spirituellen Beheimatung neu zu denken und vor allem, mit Rückbesinnung auf das Evangelium – zu öffnen.
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Ich stehe immer noch vor dem Gitter und betrachte diese vier massiven hölzernen Säulen. Natürlich weiss ich (oder ahne), dass diese Säulen die Empore tragen und vermutlich mit einer Empore auch eine Orgel. Unvermittelt frage ich mich, ob die Musik auch ein Wesensvollzug von Kirche ist – oder welche Vollzüge sich zumindest der Musik bedienen.
Ich frage mich, auf welchen Stützen eine Kirche steht, in der ich mich willkommen und beheimatet fühle? Und ich frage mich, warum dieses Gitter mich davon abhält, in die kleine Wallfahrtskirche hineinzugehen und sie kennenzulernen und etwas von der Beheimatung anderer Menschen zu lernen? Warum werde ich wie in einem Museum zu einem «bitte nicht berühren» genötigt? Ich spreche mein Gebet also in Stille vor der Kirche. Wenn ich kann, betrete ich jede Kirche, an der ich vorbeikomme. Ich bin neugierig zu sehen, wie Menschen ihrem Glaubensleben Ausdruck gegeben haben. Und ich bin neugierig zu erfahren, wie Menschen heute ihrem Glaubensleben Ausdruck geben. Wenn möglich zünde ich eine Kerze an, spreche kurz mit Gott und bin so – wenn auch nur kurz – ein Teil dieses Glaubenslebens.
Auch, wenn wir nicht alle alles mit allen gemeinsam haben – und wir nicht immer Verständnis aufbringen, dass wir manchmal auch nichts gemeinsam haben – so sind wir doch eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, eine Einheit in Vielheit, die an den Wahrheiten des Evangeliums festhalten, die gemeinsam beten, das Brot brechen und für einander da sind.
Für den Impulstext: Eric Petrini
