Impulstext im Juli 2026
Heute vor 24 Jahren steckten einige Blauring- & Jungwachtleiterinnen in den letzten Vorbereitungen für den erste Kinderspieltag auf der Quaderwiese. Was mit einer Inspiration aus einem Zeitungsbericht aus dem Jungwacht-Archiv begann, wurde zu einer Tradition. Jahr für Jahr strömten mehre tausend Kinder und Familien auf die Quaderwiese. Doch in diesem Jahr bleibt es stumm. Das Kinderlachen bleibt aus. Vor elf Jahren übergab das alte Organisationskomitee an ein neues Team von Pro Junior und Rotary. Auch wenn ich in den letzten Jahren nicht mehr am Anlass präsent war, informierte mich mein Nachfolger immer wieder über die Organisation. Dieses Jahr wurde der Kinderspieltag abgesagt. Zu wenige Sponsoren und zu wenige freiwillig helfende Hände. Der Entscheid ist nachvollziehbar, scheiterte doch auch genau an dieser Herausforderung das alte Organisationskomitee. Ich bin dankbar für all das Engagement. Und gleichzeitig spüre ich einen Schmerz. Den Schmerz vom Abschied nehmen. Vom Loslassen von etwas Liebgewonnenem.
Einige von Ihnen gehen diesen Sommer vielleicht in Pension. Oder beginnen eine neue Arbeitsstelle. Schülerinnen und Schüler wechseln vielleicht nach den Sommerferien ihre Klasse oder Kindergärtner gehen das erste Mal in die Schule. Vielleicht gibt es unter der Leserschaft auch Auswanderer, die sich von der Verwandtschaft und Freunden verabschieden müssen. Auch hier heisst es: Abschied nehmen. Abschied ist immer mit Schmerz verbunden. Auch, wenn man sich vielleicht auf etwas Neues freuen kann. Liebgewonnenes loslassen, Vertrautes zurücklassen und sich auf einen Weg begeben, von dem man noch nicht genau weiss, wohin er führt.
Während ich diese Zeilen schreibe und nach hoffnungsvollen Worten für das Abschiednehmen suche, muss in an eine Sitzung. Mein Handy ist auf stumm und ich bemerke nicht, dass mich zuerst meine Mutter, dann mein Vater, dann meine Frau versucht zu erreichen. Plötzlich stürmt eine Mitarbeiterin ins Büro: «Lars, du musst sofort zurückrufen.» Ich weiss, dass etwas passiert sein muss. Ich greife zum Hörer und wenige Minuten später bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus. Mein Onkel liegt im Sterben. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Von all den schönen Momenten, die wir mit ihm erleben durften. Wie er uns beispielsweise nach einem Regentag am Maienfelder Pferderennen als Kinder einfach in Abfallsäcke steckte, damit wir das Auto nicht verschmutzen. Oder wie wir mit ihm und meinem Gotti ins Engadin in die Camping-Wanderferien fahren durften. Sie fuhren doppelt, weil es ihm wichtig war, das Zelt herzurichten und auch Bettdecken nicht fehlen durften. So hatte das Auto am Schluss schlichtweg zu wenig Platz für das Gepäck und uns.
Abschiednehmen und neue Anfang. Die Realität hat mich hart getroffen. Während dem Sterbeprozess schaue ich auf den Monitor im Spital. Die Anzeigen verweisen auf den Puls, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Mein Blick bleibt bei den Linien hängen. In diesem Moment bekommen sie Symbolcharakter. Die Linien verlaufen regelmässig. Sie heben und senken sich. Dann wird es langsamer, die Linien werden flacher. Ein Schnaufen und es kommt wieder Bewegung. Hoffnung. Bangen. Wissen, dass es zu Ende geht. Das ist unser Leben. Höhen und Tiefen. Schritt für Schritt wird es von uns, von unseren Mitmenschen und einen Gott gezeichnet.
Die Kurve zeigt wieder nach oben. Und urplötzlich denke ich daran, wie mich mein Onkel vor 24 Jahren mit vielen Ratschlägen motiviert hat den Kinderspieltag zu organisieren und immer wieder zu optimieren. Lebhafte Unterhaltungen, die ich jetzt doch so gerne in diesem Augenblick wieder mit ihm führen möchte. Aber ich weiss, dass es so in dieser Form kein Gespräch mehr geben wird.
Einige Stunden später sitzen meine Frau und ich mit unseren Kindern im Wohnzimmer. Wir müssen ihnen die schmerzhafte Nachricht mitteilen. Gemeinsam weinen wir. Gemeinsam verarbeiten wir den Tag. Später fragt mein Sohn im Bett: «Warum passieren solche Dinge, wenn es doch einen Gott gibt?»
Ich suche nach Erklärungen. Aber die Trauer ist grösser als irgendwelche Worte. Also schweige ich. Warum muss manches enden, obwohl wir es so gerne festhalten würden?
Während ich mir Gedanken darüber mache, denke ich nochmals an den Monitor im Spital. Die Linie des Lebens verläuft nie nur nach oben. Sie kennt Höhen und Tiefen. Freud und Schmerz. Anfänge und Abschiede. Aber für mich ist da nicht nur diese sichtbare Linie. Es gibt jemandem an meiner Seite, der mich durch das Leben führt und mich nie verlässt. Ich muss auch schlimme Momente nicht alleine bewältigen. Gott ist da. Auch wenn man keine Worte findet. Ich denke dabei an den Psalm 23: «Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir».
Vielleicht besteht die Hoffnung nicht darin, dass alles bleibt. Vielleicht besteht die Hoffnung darin, dass nichts verloren geht und wir nicht alleine unterwegs sind.
Die Erinnerungen an meinen Onkel bleiben. Die tausenden lachenden Kindergesichter auf der Quaderwiese bleiben. Menschen, die uns geprägt haben, begleiten uns oft noch lange, nachdem wir von ihnen Abschied genommen haben.
Wenn auch Sie Abschied nehmen, wünsche ich Ihnen, dass Sie es schaffen loszulassen und auf Gott zu vertrauen. Denn auch wenn wir manchmal durch ein finsteres Tal gehen: Wir gehen nie allein.
Lars Gschwend
