Impulstext im Januar 2025
Vor nicht mal einem Monat öffnete Papst Franziskus in Rom die Heiligen Pforten und damit eröffnete er das Jubeljahr 2025. Auch in Chur wurde die Eröffnung des Jubeljahres in der Kathedrale am 29. Dez feierlich begangen.
Das sogenannte Heilige Jahr, das erstmals im Jahr 1300 und seit Ende des 15 Jhd. im Abstand von 25 Jahren gefeiert wird, war ursprünglich ein nur für die Römer gedachtes Pilgerjahr. Ein besonderes und charakteristisches Zeichen des Jubeljahres ist die Gewährung eines Ablasses, also die Vergebung von Sünden und Verfehlungen. Natürlich gehört für einen vollständigen Ablass mehr dazu als bloss die vier heiligen Pforten zu durchschreiten oder der Besuch andere heilige Stätten.
Für das Jubeljahr 2025 werden die Menschen unter anderem auch zu Taten der Barmherzigkeit aufgerufen – und zum Verzicht auf überflüssigem Konsum und sinnloser Ablenkung wie social media. Die Gläubigen sollen ermutigt werden, häufiger Werke der Nächstenliebe zu verrichten, Menschen in Not zu helfen und sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Ausserdem, so steht es im begleitenden Schreiben der zuständigen Kongregation, soll man unter anderem den Zweifelnden mit gutem Rat zu Seite stehen, die Betrübten trösten, Beleidigungen verzeihen und man soll die Lästigen geduldig ertragen. Der Ablass richtet sich ganz offensichtlich nicht nur an den Ablassbittenden. Der Ablass ist Ausdruck der keine Grenzen kennenden Vergebung Gottes, die sich vor allem in Zeichen der Nächstenliebe und der Hoffnung manifestiert. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass das Heilige Jahr 2025 unter dem Motto: «Pilger der Hoffnung» steht.
Bischof Bonnemain sagte in seiner Predigt: «Wir können, wir müssen fortwährend Pilger der Hoffnung sein. Die Hoffnung überall hin in unsere Welt tragen. In jeden Winkel. Dorthin, wo nicht mal die Sonne scheint». Die Hoffnung auf uns selbst, die Hoffnung auf die anderen, die Hoffnung für die Welt und schliesslich die Hoffnung auf Gott. Wir sollen Hoffnung in die Welt tragen – und durch Zeichen der Hoffnung die Barmherzigkeit Gottes in der Welt sichtbar werden lassen.
Einmal mehr frage ich mich, was das denn konkret heisst: Hoffnung. Wenn ich Pilger der Hoffnung sein soll, möchte ich doch wissen, was Hoffnung ist.
Ich vermute, dass wir alle in etwa verstehen, was mit Hoffnung gemeint ist – wir alle aber verschiedene Vorstellungen und Erfahrungen damit verbinden. Hoffnung ist etwas anderes als «sich etwas wünschen». Hoffnung ist eine Zusammenspiel aus dem, was man ist, was man sein könnte und dem, was man sich vorstellt zu sein. Ein Zusammenspiel aus Sein, Möglichkeit und Utopie. Der Mensch ist, was er ist. Ist es deshalb falsch vom Frieden zu träumen? Ist es nicht gerade ein Zeichen des unbändigen Strebens nach Vollendung, dass wir in aller Zerrissenheit an der Idee des Friedens festhalten und auf Frieden hoffen? Hoffnung ist die Antriebskraft, die der menschlichen Fehlbarkeit die Möglichkeit und auch die Erfahrung des Guten, des Heils, der Vergebung und der Barmherzigkeit und damit der positiven «Umkehr» entgegenhält.
So gesehen ist es gar nicht so unrealistisch, ein Pilger der Hoffnung zu sein. Beim Pilgern ist das Ziel nicht das Ankommen oder das Erreichen von Etappen, sondern Pilgern bedeutet unterwegs und auf dem Weg zu sein. Und auf diesem Weg sollen wir Hoffnung verbreiten: Zweifelnden mit gutem Rat begegnen, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen und auf überflüssigen Konsum und sinnlose Ablenkung verzichten. Was klingt wie eine Utopie – ist zum Greifen nahe. Möge die Hoffnung mit Ihnen sein.
