Impulstext im Februar 2023

Auf dem Weg nach Thusis zur gelungenen Verantstaltung "was sollen wir essen" kommen mir viele Bilder und Fragen in den Sinn.

Monatsimpuls zum Februar

Ich bin auf dem Weg nach Thusis, als mir die zentrale Frage der diesjährigen ökumenischen Kampagne von HEKS/Fastenaktion keine Ruhe mehr lässt: «Für welche Welt wollen wir verantwortlich sein?» [1]

Im Zug sehe ich eine Skifahrerin und ich frage mich, wo sie wohl heute an diesem warmen und sonnigen Tag Skifahren war und wie lange das Skigebiet noch als solches existieren wird? Aus dem Fenster heraus sehe ich eine ukrainische Flagge und ich frage mich einmal mehr, wer denn für die Toten und die Zerstörung die Verantwortung übernehmen und wann der Krieg endlich beendet wird? Mir kommt das Lied in den Sinn, das Freddy Mercury 1985 am Schluss des Live Aid Konzerts gesungen hatte: "Is this the world we created?" [2]. Ein grossartiges Lied, welches sich immer wieder anzuhören lohnt. In der Schlusszeile fragt Freddy Mercury nach Gott und was dieser wohl über des Menschen Werk denken mag.

Die Frage, die die diesjährige Kampagne der HEKS/Fastenaktion stellt, mündet für mich in die Antwort: «Dies ist die Welt, für die wir verantwortlich sind». Diese Aussage ruft mehrere Bilder in mir hervor. In einem blicke ich auf die verwundete Welt, für deren Wunden ich mitverantwortlich bin und denke, was ich da nur angerichtet habe. Ein anderes Bild zeigt mir aber auch meine konkrete (Lebens)Welt, für die ich verantwortlich bin und wo ich durch mein Handeln eine hoffentlich positive Veränderung bewirken kann. Bleibt nur die Frage, was positives Handeln ausmacht und für wen das Handeln positiv sein soll? In einem dritten Bild sehe ich nun Gott im Garten Eden, der dem Menschen sagt: "Dies ist die Welt, die ich geschaffen habe und dir vertraue ich sie an" [3].

Leider spricht Gott sehr leise und alles, was Gott sagt, muss der hinhörende Mensch erst in seine Sprache und Geschichte hinein übersetzen. Ich nehme an, dass in der damaligen Zeit, in der der Schöpfungsbericht verfasst wurde, die Frage nach einer nachhaltigen und globalen Ökologie die Menschen nur am Rande tangiert und daher die zugrunde liegende Theologie andere Akzente gesetzt hat. Aber in der zeitgenössischen Welt findet das Thema der nachhaltigen Ökologie seit mindestens 40 Jahren einen immer grösseren Boden und ist aktuell so brennend wie nie.

Welche Antwort geben nun die Theologie, die Kirche und ihre Vertreter:innen auf diese für die Welt so wichtige Frage, abgesehen vom üblichen Verweis auf den Schöpfungsauftrag?

__________

"gesund und fair vom Feld bis auf den Teller"
__________

Die ökumenische Kampagne von HEKS und Fastenaktion [4] stellt als kirchliches Hilfswerk eine Antwortmöglichkeit vor und legt in diesem Jahr den Fokus auf «faire Ernährung». Das menschliche Verantwortungsspektrum reicht weit und Ernährung ist hier ein wichtiger Faktor, der sowohl Fragen der globalen Solidarität, der persönlichen Lebensführung, aber auch Fragen des Klima- und Umweltschutzes und darüber hinaus der religiösen Weltanschauung anspricht.

 

Die Fastenkampagne stellt daher als Alternative zum derzeitigen konventionellen System die Bewegung der  «Agrarökologie» [5] vor. Ein zentrales Anliegen der Agrarökologie lässt sich mit dem Slogan: «Gesund und fair vom Feld bis auf den Teller» umschreiben. Im Vergleich zur biologischen Landwirtschaft ist sie eine umfassende und vielschichtige Landwirtschaftsform, die verschiedene Aspekte wie Produktion, Transport, Ernährungssicherheit, Anbauformen, Optimierung der Wechselwirkung zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen, Wasserkreislauf, Bodennutzung und Umwelt miteinander verbinden will [6].

Die Agrarökonomie betont die Notwendigkeit eines sozial gerechten, nachhaltigen und «gesunden» Ernährungssystems [7]. Auch swissaid stellt die Prinzipien vor und passt sie auf die schweizerische Lebenswelt an [8].

Sehr vereinfacht können für die Agrarökonomie 4 Dimensionen genannt werden:

    • ökologische Dimension (Erhalt der Fruchtbarkeit der Böden und Artenvielfalt, Vermeidung von Pestiziden und Überdüngung),
    • soziale Dimension (Stärkung lokaler Produzenten, Auszahlung fairer Löhne, Stärkung weiblicher Produzierenden),
    • ökonomische Dimension (Ausbau der regionalen Kreisläufe, Förderung von lokalem Saatgut und regionaler Verarbeitung)
    • politische Dimension (Partizipation aller Produzierenden, Schaffung von nachhaltigen Rahmenbedingen, faire Verteilung von Subventionen).

In diesem Ringen um eine gerechte, faire und nachhaltige Welt müssen auch die Kirche und ihre Vertreter:innen ihre Stimme mit einbringen. Denn im Kontext der Schöpfungstheologie und der geforderten Grundhaltung, sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung [9] einzusetzen, lässt sich auch eine religiöse Dimension der Agrarökologie herausarbeiten:

    • Der Mensch mag sich zwar als Krone der Schöpfung verstehen, aber besitzen kann er am Ende nichts. Der Mensch ist nicht Besitzer der Welt und kann nicht einfach tun, was er will oder was möglich ist (Lk 12,13-21).
    • Die Schöpfungsverantwortung gilt zum einen gegenüber Gott, dem wir Rechenschaft für jedes vergossene Blut von Menschen und Tieren schuldig sind (Gen 9,3-7).
    • Zum anderen muss der Mensch sich selbst gegenüber, aber auch seinen Mitmenschen und nachfolgenden Generationen gegenüber Verantwortung für sein schöpferisches Handeln übernehmen, weil Gott jeden Menschen als sein Abbild erschaffen hat (Gen 1,26 / Gen 9,6b).
    • Jesus predigt an zahlreichen stellen Gleichheit und Gerechtigkeit unter den Menschen mit Blick auf die Benachteiligten, Randständigen und Armen, weil Besitz nur dann bleibenden Wert hat, wenn er geteilt wird und auch die ernährt, die weniger haben (Lk 16,9f / Lk 16,19f / Lk 18,18f).
    • Jesus gibt eine Haltung vor, die einen liebevollen und wertschätzenden Umgang jedes Mitgliedes der Gesellschaft vorlebt. Der Wohlstand von wenigen kann nicht auf der Armut oder Not von vielen begründet sein (Mt 25,35-40).
    • Jesu Hinwendung zu Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen (Krankheit, Einsamkeit, Armut, Reichtum, Sünde, Vergebung) schenkt genau diesen Menschen (in ihrer Lebenssituation) menschliche Würde. Die Würde und Akzeptanz eines jeden Menschen und eines jeden Geschöpfes aufzubauen und diese zu verteidigen, muss im Denken und Handeln eines religiösen Menschen oberste Priorität haben (Mt 15, 21f / Lk 19,1f / Joh 5,1f / Joh 8,53f).
    • Gerade im Verzicht findet der Mensch eine Reinigung von falschen oder verführerischen Ansprüchen (Mk 1,12f). Verzicht ist darüber hinaus ein Ausdruck der geistigen und spirituellen Reife (Mt 20,24f).
    • Sinnloser Kommerz, maximaler Kapitalismus und einseitige Machtwirtschaft widersprechen dem Gedanken vom Reich Gottes (Mt 20,25-26 / Mt 6,19f).
    • Faire Einkommen, Nahrungssicherheit und eine gerechte Verteilung der Güter verstehen sich als Grundlage zu einer friedlichen und harmonischen Welt (Mt 14,16f).

Die Frage «für welche Welt wollen wir verantwortlich sein?» stellt wohl jedem Menschen die eigenen Handlungsweisen und auch Handlungsoptionen vor Augen. Gerade aber mit Blick auf die eigene Religiosität und religiöse Weltanschauung ist das Grundstreben nach einer gerechten Welt und damit auch einem fairen Ernährungssystem eine zentrale Grundhaltung. Erwin Kräutler, damals Bischof von Xingu/Brasilien, sagte 1998 in einem Interview: «Es ist Auftrag der Kirche, noch mehr für eine weltumspannende Liebe zwischen Nationen und Völkern einzutreten und auch selbst konkrete Zeichen zu setzen. Es geht um die Gerechtigkeit, ohne die es nun einmal keinen dauerhaften Frieden geben wird».

__________

"was sollen wir essen?"
__________

An einem der vergangenen Freitage, genauer gesagt am 10. Februar 23, fand in Thusis der ökumenisch organisierte Anlass «was sollen wir essen?» statt. Es ging um die Grundsätze der Agrarökonomie und ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Urs Niggli, der renommierte Agrarökologe und ausgewiesener Bio-Papst, hielt ein Impulsreferat und der Satiriker Luca Maurizio rahmte den Vortrag gekonnt humoristisch, mit spitzer Wortwahl und hielt der hörenden und lachenden Gesellschaft den satirischen Spiegel vor Augen.

Urs Niggli gab in seinem Vortrag nur wenige, dafür gut praktikable Tipps, um eine faire Ernährung zu fördern:

    • Je näher der Produktionsort, desto besser.
    • Wahl von Produkten mit wenigen oder gar keinen Verarbeitungsschritten.
    • Je weniger Zusatzstoffe, desto besser.
    • Den Anteil pflanzlicher Proteine (bspw. aus Hülsenfrüchten) erhöhen.
    • Den Fleischkonsum auf 12.5 kg – max. 20 kg reduzieren (ca. 300g pro Woche).

Urs Niggli sagte gegen Schluss im Podium, dass es sein grösstes Anliegen sei, die Landwirt:innen und Konsument:innen einander wieder näher zu bringen. Wir wüssten genau, was zu tun ist. Wir müssten es nur endlich konsequent umsetzen.

Menschen einander näher bringen und sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen werte ich und vielleicht auch Sie, als die grosse Aufgabe der Kirche und all ihrer Vertreter:innen. Gott schenke uns allen dazu Mut und seinen Segen.

für den Impulstext: Eric Petrini

__________

[1] www.sehen-und-handeln.ch
[2] www.youtube.com/watch?v=riwDo7_GxjM
[3]  www.katholisch.at/goettlicher-schoepfungsauftrag-birgt-verantwortung
[4] www.sehen-und-handeln.ch/für-pfarreien-und-kirchgemeinden
[5] www.sehen-und-handeln.ch/Kampagnenmagazin_2023
[6] WBF, Agrarökologie als Mittel zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele, 2019
[7] www.fao.org/agroecology
[8] www.swissaid.ch/agraroekologie
[9] www.franziskaner.net/gerechtigkeit-frieden-schöpfung