Impulstext im Dezember 2022
Am 02. Dezember feierten einige Mitarbeiter:innen des Ordinariats, einige Besucher:innen und einige Mitglieder der Theologischen Hochschule in der Krypta von St. Luzi (der Kirche des Priesterseminars) einen festlichen Gottesdienst zum Gedenktag des Heiligen Luzius, dem Patron des Bistums Chur.
Bischof Joseph Maria sprach in einer kurzen Ansprache über einen Ausschnitt aus der Passionsgeschichte, in dem Jesus Pontius Pilatus darüber aufklärt, dass dieser nur deshalb Macht über ihn hätte, weil ihm die Macht von oben gegeben sei.
Auf unsere eigene Gottesbeziehung übertragen übernehmen wir auch gelegentlich die Rolle des Pontius Pilatus und so fänden wir uns in einer ambivalenten Situation wieder: Auf der einen Seite tritt Gott uns gegenüber und stellt uns in das Zentrum seiner Liebe. Auf der anderen Seite ermächtigt er uns, wie er Pilatus ermächtigt hat, über diese Liebe zu verfügen. Ja sogar uns gegen diese Liebe und damit gegen Gott zu entscheiden. Aber gibt uns Gott wirklich Macht über ihn?
Der Bischof fragte dann etwas provokant, ob wir – den Gedanken, Macht über Jesus zu haben, auf die Adventszeit angewandt – Weihnachten verhindern würden, wenn wir keine Weihnachtskrippen aufstellten. Wird Gott daran gehindert, neu in unserer Welt anzukommen, wenn wir oder ich mich weigere, an Weihnachten seine Menschwerdung zu feiern? Stelle ich mich Gott in den Weg, wenn ich jetzt im Advent keine Weihnachtssterne aufhänge?
Ich fühlte mich ertappt. Letztes Jahr habe ich tatsächlich nicht daran gedacht, rechtzeitig meine kleine Weihnachtskrippe aufzustellen. Erst an Sylvester ist mir mein Missgeschick aufgefallen – und habe dann nachträglich die Figuren aufgestellt. Um dem Lauf der Dinge (und meiner Vergesslichkeit) etwas entgegenzuhalten, hatte ich damals auch gleich die drei Könige dazugestellt, obwohl der 06. Januar noch ein paar Tage entfernt war.
Wie ich also gedanklich neben die Heilige Familie einige Engel, Hirten, Schafe, Ochs und Esel, dazu ein Kamel, einen Elefanten und die drei Könige aufstelle und einen Stern darüber hänge, fällt mir plötzlich sinngemäss ein Satz aus einer neutestamentlichen Vorlesung ein: «jeder Evangelist konzipierte sein Evangelium so, dass die eigene Theologie darin Worte findet». Der Evangelist Lukas konzipierte also seine Weihnachtsgeschichte gemäss seiner Theologie und der Evangelist Markus seine Erzählung gemäss seiner Sicht der Dinge. Streng genommen gehört bspw. der Stern zu den 3 Weisen und die Engel zu den Hirten. Aber in der Traditionsgeschichte verschmelzen beide Geschichten und wir stellen die Hirten selbstverständlich neben die Sterndeuter, die wir zu Königen erhoben haben, und lassen ein Heer von Engeln gleich neben dem Weihnachtsstern ihr Gloria singen.
Ich denke wieder an Jesus vor Pilatus und frage mich, ob wir im Laufe der Zeit unsere Macht über Jesus nicht vielleicht etwas überstrapaziert haben. Denn neben den offensichtlich relevanten Playern in der Geburtsgeschichte (nämlich Maria, Josef und das Kind in der Krippe) wurden zahlreiche Nebenfiguren ergänzt. Dazu der Weihnachtsbaum, die Kerzen, die Musik und nicht zu vergessen das Gebäck. Ganz zu schweigen von den Weihnachtsfeiern, den Märkten, der weihnachtlichen Dekoration und all den kirchlichen und schulischen Veranstaltungen, in denen Kinder die ganze Geschichte freudig nachspielen und von fallenden Schneeflocken singen. Ich sehe wieder Jesus vor mir: «Du hättest diese Macht über mich nicht, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre».
Soll mich das nun beruhigen oder eher alarmieren? Man könnte schon den Eindruck gewinnen, dass wir unsere Macht über Jesus überstrapaziert haben. Dank derer, die Weihnachten in vollen Zügen zelebrieren, kann Jesus ja gar nicht anders als Mensch werden. Und dank derer, die sich des Weihnachtsfestes verwehren, bekommt er einmal mehr keinen Platz in der Herberge. Aber diese Macht zur Entscheidung erhalten wir «von oben».
Nun, ich möchte jedenfalls nicht zu denen gehören, die Jesus aussenvor lassen, ihm keinen Platz bereiten und ihn am Ende nicht in ihr Leben lassen. Und umgekehrt denke ich, dass jedes weihnachtliche Symbol eine Berechtigung hat, solange in diesem Symbol ein Glaube wiedererkennbar ist und sich dahinter eine besondere Sicht auf das Leben erschliesst. Jede Figur in der Krippe und jedes weihnachtliche Symbol erzählt mir eine Geschichte. Ob die 24 Kerzen, der Hirte oder der Esel. Wenn es keine Geschichte (mehr) erzählt, kann man es auch getrost dem Vergessen überlassen.
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Seit einigen Jahren habe ich unter den vielen Symbolen ja den Weihnachtsstern für mich entdeckt. Im antiken Verständnis symbolisierte ein aufgehender Stern die Geburt eines neuen Königs. In der Weihnachtserzählung nach Matthäus sind es Sterndeuter, die den Stern entdeckten und die sich an seinem Lauf orientierten, um den neuen König zu finden und um ihm zu huldigen. Es heisst: der Stern zog vor ihnen her, um ihnen den Weg zu weisen.
Ich deute den Stern weniger als königliches Symbol, sondern mehr als Spiegel des göttlichen Lichtes. Ich sehe ihn als Symbol für meine menschliche Sehnsucht, mit Gott in Kontakt zu treten. So viel wir vom Leben auch begreifen mögen und so sehr wir nach Erkenntnis streben – wir werden nie hinter die Grenzen unseres beschränkten Geistes treten können, um den unbegreiflichen und unbeschränkten Gott vollkommen zu erkennen. Denn liesse sich Gott begreifen, wäre er nicht Gott.
Und doch lässt er sich von uns finden. Zumindest im Ansatz und im Rahmen dessen, was ich überhaupt erkennen kann. Er weckt in mir eine gewisse Sehnsucht, ein Fernweh. Er lässt mich erkennen, dass es doch noch mehr geben muss als nur dieses Leben. So schickt er mich auf den Weg – mit nichts als meinem denkenden Geist, meinem suchenden Herzen und seinem Stern, der mir Orientierung gibt. Und Gott sei Dank auch mit einigen Weggefährt:innen, denn allein findet man selten den richtigen Weg.
Oft frage ich mich, wo er mich oder uns wohl überall hinführen wird. Es ist ja nicht damit getan, dass wir Gott einmal im Jahr in der Krippe finden. Der Weg geht ja weiter. Dieser Stern, der die Sehnsucht nach Gott, die von Gott selbst geweckt wird, symbolisiert, führt mich jeden Tag zu neuen Gottesbegegnungen. Mal in einem Gottesdienst, mal in der Stille einer kleinen Krypta, mal in der herzlichen Begegnung mit einem Freund oder wenn ich dem unverschämten Bettler am Bahnhof schon wieder 2 Fr schenke. Ich bin jeden Tag aufs Neue gespannt, wohin dieser Stern mich heute leiten wird.
Oft genug verpasse ich es, auf ihn zu achten. Deshalb zeichne ich mir ab und wann einen Stern auf mein Handgelenk, damit ich nicht vergesse, nach Gott Ausschau zu halten und ihn vor allem da zu finden, wo ich ihn gar nicht erwartet habe.
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Nun. Dieses Jahr jedenfalls mahnen mich die Worte von Bischof Joseph Maria, meine Weihnachtskrippe rechtzeitig aufzustellen und vor allem, meine Fenster mit einigen Sternen zu schmücken. Denn wenn Gott mich in das Zentrum seiner Liebe stellt und mich gleichzeitig bemächtigt, über ihn zu verfügen, möchte ich auf diese Liebestat Gottes so reagieren, dass ich ihn durch meine Antwort nicht abweise. Und ja, das ist etwas, an dem ich arbeiten muss.
Der Weihnachtsstern und alle die weihnachtlichen Symbole sollen mich an die vielen Glaubenserfahrungen erinnern, die Menschen über die Zeit gesammelt haben. Aber ich möchte nicht in der Betrachtung alter Symboliken verharren, sondern die Symbole mit meinen, mit neuen und aktuellen Erfahrungen verknüpfen. Nur so kann Gott auch in mir und in der heuten Zeit ankommen. Und wenn alte Bilder sich nicht mehr in meine Zeit hinein aktualisieren lassen, dann sei es mir gestattet, sie als Vergangenes wertzuschätzen und in der Vergangenheit zu belassen. Auf dass Gott auch heute Mensch wird.
So wünschen wir Ihnen allen eine lichterfüllte Zeit und weihnachtliche Festtage.


