Impulstext im August 2025

Wie politisch darf Kirche also sein?

Die studierte Theologin und Präsidentin des deutschen Bundestages Julia Klöckner sorgte zu Ostern für einige Diskussionen, als sie die Kirchen aufrief, sich wieder auf die Seelsorge zu konzentrieren, statt sich übertrieben politisch zu engagieren. Die Seelsorgenden sollen die grundsätzlichen Fragen von Leben und Tod in den Blick nehmen – statt das tagesaktuelle Geschehen zu kommentieren. Auch in der Schweiz sorgte vor einigen Jahren die Unterstützung der Kirchen für die Konzernverantwortungs-Initiative für Diskussionen.

Ich unterstütze die Meinung, dass Seelsorgende keine Parteipolitik betreiben sollen. Im Zentrum der Seelsorge sollte der Mensch mit seinen Fragen von Leben und Tod stehen – und wie diese oft mit Schmerzen und Ängsten verbundenen Fragen von Gott her zu deuten sind. Religionen nennen Möglichkeiten, wie das Leben vor Gott zu deuten ist. Sie begleiten die Menschen aber auch auf ihren Wegen, das Leben und die Gesellschaft friedlich und in Sorge umeinander zu gestalten. Das christliche Menschenbild ist noch keine Politik, kann aber durchaus die politische Haltung prägen.

Ist es überhaupt möglich, als Religionsgemeinschaft das Leben vom Anfang bis zum Ende in den Blick zu nehmen, ohne dabei gesellschaftlich relevante Haltungen einzunehmen und innere Überzeugungen im alltäglichen Tun widerzuspiegeln. Sollte es nicht normal sein, dass sich religiöse Überzeugungen in Worten und Taten ausdrücken? Wenn Kirche gesellschaftlich relevant sein will, dann braucht sie keine parteipolitischen Manöver, sondern gelebte Überzeugungen. Und mit Kirche sind die Menschen gemeint, die die Kirche bilden, wie auch die Institution, die die Kirche repräsentiert.

An diesem Wochenende feiert die katholische Kirche das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, welches in vielen Gemeinden ein regionaler und in manchen Kantonen ein gesetzlicher Feiertag ist. Die Ursprünge des Festes liegen im 5. Jahrhundert, aber erst seit 1950 ist der Inhalt des Festes Bestandteil der katholischen Glaubenslehre. 1946 befragte Papst Pius XII. in einem Rundschreiben die Bischöfe sowie andere Theologen, ob die Vorstellung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel dem Glaubenssinn der Gläubigen entspräche. Man kann sich heute fragen, ob die katholische Kirche so kurz nach dem zweiten Weltkrieg nicht andere Probleme und ob die Menschen damals nicht andere Sorgen hatten als einen Glaubenssatz zu dogmatisieren. Aber vielleicht war es auch ein Zeichen der Hoffnung für die vom Krieg zerstörte innere wie äussere Welt.

Das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel beschreibt keine biologische oder physikalische Wirklichkeit. Das Dogma gibt eine mystagogische Antwort darauf, was dem Mensch verheissen ist. Das Dogma besagt, dass Maria als Mutter Gottes «nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde». Maria gilt als die Ersterlöste, die den Christinnen und Christen Vorbild und Fürsprecherin ist. In Maria ist bereits sichtbar geworden, wozu jeder Mensch berufen ist. Der Mensch in seiner leiblich-geistigen Identität lebt in der Wirklichkeit Gottes. Die Verheissung, dass der Mensch in seiner leiblich-geistigen Identität als Geschöpf Gottes von ihm angenommen ist, ist Wirklichkeit. Der Mensch als Einheit von Leib und Seele ist eine Person von Gottes Würden. Was der Mensch geistig im Glauben erkannt hat – soll sich irdisch in Wort und Tat widerspiegeln. Denn dann offenbart sich Gottes Wirken in der Wirklichkeit. Und das hatte 1950 und hat 2025 eine geistige wie auch gesellschaftliche Relevanz.

Am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel werden an vielen Orten Heilkräuter verschenkt. Das Heil, welches Gott den Menschen zusagt, manifestiert sich geistig und irdisch – denn im Zentrum steht der Mensch in seiner geistigen wie auch irdischen Existenz.

Ist das nun schon zu politisch, wenn am Hochfest der Aufnahme Mariens um die Achtung der Würde eines jeden Menschen von Mann bis Frau egal welcher Herkunft und Religion oder Alter gebetet wird? Ist das schon Einmischung in die Politik, wenn neben aller seelsorgerischen Begleitung zwischen Leben und Tod auch das leibliche Wohlergehen aller - auch der Armen, Kranken und Fremden - eingefordert wird? Oder wenn die Kirchen um Frieden beten?

Wir feiern Mariä Himmelfahrt. Der Brauch der gesegneten und verteilten Heilkräuter bietet vielleicht eine gute Gelegenheit, dem Gedanken nachzugehen, was es für den einzelnen bedeuten kann, eine geistig-irdische Identität zu besitzen – wie diese Identität zu pflegen ist und Gestalt annehmen kann - und was ‘mein’ Beitrag an einer «friedlichen» Gesellschaft ist.

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Eric Petrini | Theologe
Fachbereich der Katholischen Kirche im Kanton Graubünden
Jugendseelsorge / ökumenische Zusammenarbeit / pastorale Vernetzung