Impulstext im April 2025
Die diesjährige Osterzeit wird mir und sicherlich auch anderen für lange Zeit in Erinnerung bleiben. Als Jorge Kardinal Bergoglio im Konklave 2013 seine Vision eines künftigen Papstes formulierte, sagte er: «Er (der zukünftige Papst, Anm.) muss ein Mann sein, der ausgehend von Christus der Kirche hilft, an die Ränder der menschlichen Existenz zu gehen.»
Bergoglio wurde der Papst, der der Kirche und der ganzen Welt diesen Weg nicht nur predigte, sondern vorlebte. Ein Weg, der österlicher nicht sein kann. Denn über die Kar- und Ostertage offenbaren sich grundlegende Überzeugungen des christlichen Glaubens, die als Gegenentwurf zu den Abgründen der menschlichen Existenz die Lichtmomente der Erlösung entgegenstellen. Ostern stellt den Abgründen der menschlichen Existenz den Glauben und die Hoffnung auf eine von Abgründen erlöste Existenz entgegen.
Am Anfang feiern die Menschen Jesus von Nazareth wie ihren neuen König. Der lange erwartete Messias, der Heilsbringer, der Gesandte Gottes, der endlich alle Missstände grade rücken und der Menschheit die Antworten auf die grossen Fragen des Lebens geben wird. Der die Abgründe ein für alle Mal zuschüttet. Und die Menschen jubeln, wie man eben einem neuen Heilsbringer zujubelt.
Aber statt mit einem radikalen Machtakt das Reich Gottes zu errichten, hält dieser Messias mit seinen Getreuen ein Abendmahl und redet davon, einander zu dienen und einander die Füsse zu waschen. Dieser Jesus schenkt als Antwort auf die Frage nach dem individuellen Heilsweg die Teilhabe an einer Gemeinschaft – der Gemeinschaft mit ihm und unter denen, die sich ihm angeschlossen haben.
Offensichtlich war und ist dies vielen Suchenden nicht genug. Die nicht erfüllten Erwartungen an das persönliche Heil und auch die Aufforderung, das eigene Leben radikal zum Wohle aller umzukrempeln, sind vielleicht zu grosse Herausforderungen an den Menschen, an uns. Sich selbst nicht wichtig nehmen, um Teil einer Gemeinschaft zu werden, damit Gott eben dieser Gemeinschaft, aber auch jedem einzelnen eine neue Würde gibt. Erst, wenn ich meinen Nächsten mehr liebe als mich selbst – erfahre ich, wie sehr Gott mich mit seiner Liebe umgibt. Ein Paradox?
Jesus weicht der Kontroverse nicht aus. Er stellt sich dem Gegenwind. Er stellt sich den Abgründen der menschlichen Existenz. Den Enttäuschungen, den unerfüllten Erwartungen, dem Neid, der Missgunst. Er stellt sich denen, die eine einfache Antwort auf schwierige Fragen geben - und denen, die immer noch nur die eigenen Interessen verfolgen. Er stellt sich an die Ränder der menschlichen Existenz, damals wie heute. Er nimmt die Sorgen und Probleme der ganzen Welt auf sich, nimmt sich der ganzen Welt an, trägt alles auf seinen Schultern.
Bedingungslos wendet er sich uns, den Menschen, in aller unserer Schwachheit zu – und erwartet das auch von denen, die ihm nachfolgen. Und er wird nicht müde, selbst die Machthabenden zu Aufrichtigkeit und Demut aufzurufen. Diese Bedingungslosigkeit und Konsequenz kosten ihm das Leben.
Doch hier endet die Geschichte nicht. Hier beginnt eine neue Geschichte – dargestellt mit dem starken Bild des leeren Grabes.
Die Überzeugung und Grundhaltung, mit der Jesus das Leben deutet, kann ich verstehen. Ich kann nachvollziehen und begreifen, dass Jesus sich im Namen Gottes vollkommen den Menschen zuwandte. Ich verstehe den Auftrag Jesu zur Nächstenliebe und sich den Nächsten, vor allem den Schwachen und Bedürftigen, zuzuwenden und zu helfen, wo es nötig ist.
Aber das leere Grab kann ich nicht verstehen. Es ist mit dem Verstand nicht zu begreifen, so sehr wir es auch zu erklären versuchen. Es fehlt etwas Entscheidendes: die Berührung mit dem Göttlichen. Es sind die Momente, die als zum Wundern und Staunen anregende Lichtmomente dem Leben eine Richtung geben. Die Momente der totalen Klarheit, wenn man einfach weiss, dass Gott gerade gesprochen hat. Der Moment, in dem man absolut gewiss ist, dass Gott einen gerade berührt und angerührt hat. Der Moment des leeren Grabes. Unerklärlich – aber gegenwärtig.
Als Menschen müssen wir uns unseren Abgründen stellen und aktiv handeln – aber die Lichtmomente müssen wir spüren. Wir können sie nicht kreieren, sondern nur empfangen und aus ihnen Kraft schöpfen. Hinhören. Hoffen und danach Handeln. Den Bogen schliessend hat Papst Franziskus genau das getan. Und uns mehr als ein Beispiel gegeben, wie sich diese Paradigmen leben lassen.
Es ist und bleibt eine absolute Notwendigkeit, dass wir gemeinsam und geschlossen am Guten festhalten. Das bedeutet, dass wir aufrichtig darauf achten, niemandem zu schaden. Weder der jetzigen noch der künftigen Generation. Niemand soll durch unser Tun an irgendeinen Abgrund geraten. Es ist notwendig, dass wir uns den Armen, den Kranken zuwenden. Die, die durch das Netz der sozialen Sicherheit hindurch gefallen sind, auffangen. Ihnen muss man sich zuwenden, denn die starke Schulter stützt die schwache. Gerechtigkeit kommt nicht ohne unser Zutun. Das Böse vermeiden – das Gute tun. Sich nicht in Details der Kleinkrämerei verlieren – sondern das tun, was notwendig ist, weil es dem Guten dient.
Das klingt einfach. Aber ist schwerer als ich mir selbst eingestehe. Denn es impliziert mein eigenes Scheitern. Darum gibt Gott mir neben dem Auftrag zur Nächstenliebe das unergründliche Geschenk der Hoffnung. Auch daran muss man festhalten und um sie kämpfen. Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Motto: Pilger der Hoffnung. In der Verkündigungsbulle schreibt Franziskus: «Jeder weiss, was es heisst zu hoffen. Im Herzen eines jeden Menschen wohnt die Hoffnung als Wunsch und Erwartung guter Dinge, auch wenn wir nicht wissen, was die Zukunft bringen mag.»
Hören. Handeln und hoffen. Nach aussen sich den Menschen zuwenden – nach innen Gott suchen. Sich von Gott ansprechen lassen. Mit ihm in Berührung kommen. Sich erleuchten lassen und dem Glauben, dem Geist Gottes und auch dem Gebet Raum geben. Und dann neben aller inneren Einkehr nach aussen die Welt im Guten gestalten. Es scheint mir wichtig, dass wir diese Grundpfeiler nicht vergessen: Hören! Hoffen! Handeln!
