Impulstext im April 2023
Wie soll das nur gehen – sich von Gott überraschen lassen? Ist das ein aktiver oder passiver Vorgang und welche Konsequenzen wird das für mich haben? Ist nicht der Inbegriff von Gottes Wirken unter den Menschen, dass wir in unserem Denken und Dasein mit einem göttlichen Etwas konfrontiert werden, das wir nicht erwartet haben? Was alles übersteigt, was sich in menschlichen Begriffen sortieren lässt? Oder anders gesagt: Gott ist der «ganz andere» (Karl Barth) und er zeigt sich in einer Art, die so nicht in unserer Agenda geplant war. Wir stehen somit in diesem ungeplanten, ungewohnten und nicht vorhersehbaren Moment Gott gegenüber.
Wir begegnen Gott in diesem etwas, womit wir nicht gerechnet haben, was wir nicht planen konnten, was nicht unseren menschlichen Vorstellungen entspricht. Selbst wenn wir denken, alles zu wissen und alles zu kennen, auf jede Frage eine passende Antwort haben und zu jeder menschlichen Problemlage ein passendes Gebot zitieren können, wird Gott uns immer wieder überraschen und unsere Vorstellungen durchkreuzen. Die Frage ist nur, ob das Überraschende am Wirken Gottes zu unserem Innersten durchdringen kann.
Wenn es nun heisst: «lasst Euch immer von Gott überraschen», so wird aus dem «von Gott auf dem falschen Fuss überrascht werden» ein «sich von Gott überraschen lassen». Und dann werde ich selbst zum aktiven Gegenüber, der dieses Eingreifen Gottes wahrnimmt, der es dankbar annimmt (nicht etwa abblockt oder gar verhindert) und dem entsprechend das eigene Dasein reflektiert.
Ja, wenn ich mich von Gott überraschen lasse, dann kann das mein bisheriges Denken auch mal ins Wanken bringen. Unter Umständen wird das «überrascht werden» auch zum Weckruf, damit ich meinen Kurs ändere oder gewisse Dinge auch neu wahrnehme und betrachte.
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Ich erinnere mich an einen Gottesdienst zum Hohen Donnerstag. Es hiess: Das Zeichen der Fusswaschung gäbe es nicht in dieser Pfarrei, weil der alte Pfarrer das aus einem damals sicherlich guten Grund so eingeführt hatte. Ich wollte es trotzdem versuchen und dem alten Zeichen eine neue Deutung geben.
Dieses Zeichen der Fusswaschung symbolisiert ja die Aufforderung Jesu an die ihm Nachfolgenden, von Grund auf zum Dienst an der Kirche und damit zum Dienst am Volk Gottes bereit zu sein und diesen Dienst auch auszuüben. Aber welcher Dienst ist hier eigentlich gemeint? Der Gottesdienst, der meist nur wenig Raum für Überraschungen bietet? Oder die caritativen Dienste, für die wir ja Fachstellen haben und bei denen das Überraschende dann die Fachpersonen betrifft? Oder der immer offene und immer neue Dienst aller Gesandten an allen Menschen?
Mit jedem Menschen beginnt ein neuer Dienst und eine neue Chance, sich von Gott überraschen zu lassen. Und zwar auf beiden Seiten. Jedes Wort, jeder Austausch, jede Geste, jede Handlung soll offen sein für eine überraschende Gottesbegegnung - und soll dienen. Soll offen sein, Gottes Frieden, Heil, Glück und Glückseligkeit zu verbreiten. Als Christinnen und Christen in der Welt sind wir stets die, die sich von Gott im anderen überraschen lassen – und die ihr Gegenüber durch das Ausstrahlen der Liebe überraschen. Wenn und weil wir eben das tun, was den Menschen auf ihrem Weg zu Gott dient!
Bischof Bonnemain sagte in der Predigt zur Crisammesse sinngemäss: Als Christinnen und Christen sind wir gesandt, durch die Liebe (Anm: als durch Taten, Worte und Gesten der Liebe) die Wunden der Menschen zu lindern. Immerhin, der Bischof sagte: «lindern». Nicht heilen. Das eine beschreibt einen Prozess der Begleitung. Das andere eine kaum zu erreichende Selbstüberschätzung. Die Schmerzen einer zerbrochenen Ehe lindern. Den Schmerz der Erfahrungen von Gewalt und Ablehnung aufgrund einer nicht gesellschaftskonformen sexuellen Orientierung lindern. Den Schmerz des Verlustes und der Trauer. Den Schmerz des Scheiterns oder auch der Heimatlosigkeit, der Perspektivlosigkeit oder auch die Wunder der religiösen Zweifel lindern.
Dieses Zeichen der Fusswaschung ist sinnbildhafter Ausdruck meines eigenen Bekenntnisses, dass ich bereit bin, Gott und den Menschen zu dienen - und immer das zu tun und das zu sagen und das auszustrahlen, was den Menschen und vor allem dem Frieden dient.
Damals - in jenem Gottesdienst am Hohen Donnerstag liessen sich fast alle Anwesenden überraschen. Wir hatten niemanden für die Fusswaschung direkt angesprochen. Es wurde ja als nicht üblich abgetan. Aber wir hatten alles notwendige im Gottesdienst bereit gestellt: zwei Stühle, eine Schüssel, ein Krug mit Wasser, mehrere Tücher. Wir liessen es frei, ob und wer sich für diese Zeichenhandlung bereit erklären würde. Zuerst kamen die zwei Ministrantinnen zur Fusswaschung. Aber die wurden vermutlich von der Mesmerin geschickt. Und dann kamen vier oder fünf Menschen aus dem Volk. Zwei waren nur zu Gast – und als wir dachten, wir könnten uns erheben, kamen noch zwei, die sich vorher gegen das Zeichen gewehrt hatten.
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«Lass dich immer von Gott überraschen». Nicht nur ein frommer Wunsch, der uns daran erinnern soll, das Staunen zu bewahren, sondern Ausdruck unseres österlichen Glaubens - und somit eine Absage an Stillstand, Unveränderlichkeit und Unbeweglichkeit im Glauben und von Glaubenssätzen.
In der Hoffnung, dass Gott uns – Euch, dich und mich überraschen wird und wir uns dann von ihm überraschen lassen, wünsche ich Euch allen frohe und gesegnete Ostertage.
