Impulstext im Mai/ Juni 2026
Jedes Jahr trifft sich der Kantonale Seelsorgerat zu einer zweitägigen Versammlung an einem besonderen Ort in Graubünden. In diesem Jahr versammelten sich die Mitglieder des Seelsorgerates zur Tagung im Val Poschiavo. Dieses Jahr vielleicht unter etwas veränderten Vorzeichen. Ganz bewusst begann das Programm der Tagung mit einem spirituellen Impuls. Schwester Rita, die seit gut 50 Jahren im Kloster St. Maria in Poschiavo lebt, begrüsste den Seelsorgerat in der Kapelle. Schwester Rita lenkte die Blicke auf das grosse rote Fenster hinter dem Altar.

Zu erkennen ist im Fenster ein Kreuz, welches von der Mitte her wie aufgebrochen erscheint. Und aus diesem aufgebrochenen Kreuz heraus leuchten zwei helle Kammern auf. Um dieses hell aufleuchtende Zentrum herum scheint etwas auf, das an eine Dornenkrone erinnert. Von dort scheinen rote Flächen wegzufliessen.
Das zerbrochene Kreuz leuchtet wie ein Herz. Wie zwei Herzkammern. Die roten Flächen leuchten wie ein Feuer und die Dornenkrone scheint wie in den Raum hineinzufliessen. Das Blut des Opfertodes Christi wird zum Fluss der Liebe. Das zerbrochene Kreuz wird zum offenen Herzen Jesu, aus dem Liebe und Leben hinausfliessen. Die Strahlen aus dem Bild fliessen über den Altar und von dort aus auf den Boden. Die Strahlen der Liebe fliessen hinaus in die Welt und ziehen die Anwesenden gleichzeitig an.
Mit diesem Impuls begann die Tagung. Die Formalitäten, die eine Plenarversammlung des kantonalen Seelsorgerates auch mit sich bringen, waren fast Nebensache. Der Austausch und das spirituelle Auftanken standen im Zentrum. Am Nachmittag ging es auf eine Entdeckungstour durch das Dorf Poschiavo. In drei Gruppen aufgeteilt erkundeten sie unter der ortskundigen Anleitung von Luca Crameri, der das Valposchiavo im KSR vertritt, das alte Kloster und La Tor, die Casa Tomé und das Dorfmuseum. Eine kleine Gruppe stattete auch der Reformierten Kirche einen Besuch ab. Und vor dem Nachtessen traf sich die Gruppe zum gemeinsamen Gebet der Vesper.
Die Tagung des Seelsorgerates hatte bewusst gesetzt drei Schwerpunkte: das spirituelle Auftanken und die Verbundenheit untereinander als geistige Gemeinschaft. Ein Seelsorgerat verwaltet nicht und hat keine administrativen Funktionen. Der KSR ist eine Gemeinschaft von kirchlich engagierten Menschen, die sich im Glauben verbunden wissen und über ihr Engagement und ihren Glauben den Austausch suchen. Auf dieser Ebene kann der Seelsorgerat sich sowohl untereinander als auch mit der Bistumsleitung vernetzen und vor allem den Dialog pflegen. Neben der Spiritualität und dem Austausch war also die Netzwerkarbeit der dritte Schwerpunkt.
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Am zweiten Tag der Tagung war das Novum, dass nicht nur die Mitglieder des Seelsorgerates anwesend waren, sondern dass über 20 Vertretende aus dem Tal, Katechetinnen, Mitglieder der verschiedenen Kirchenvorstände und Priester aus dem Valposchiavo zur Tagung dazu stiessen. Auch dieser Teil der Tagung begann spirituell mit einem gemeinsamen Gottesdienst in der Kapelle.
Beim anschliessenden Austausch unter der Moderation von Luca Crameri gaben die Puschlaver Einblicke in das Leben im Tal, in die Pfarreiarbeit vor Ort und sie erzählten von ihren pastoralen Herausforderungen. Einen solchen Austausch zwischen Priestern, Katechetinnen und Kirchenvorständen mit Vertreter:innen aus dem ganzen Kanton hat es in einer solch grossen Gesprächsrunde offensichtlich noch nie – oder zumindest schon lange nicht mehr gegeben.
Zum Gespräch waren nicht nur die aktuell im Tal wirkenden Priester eingeladen, sondern auch zwei Priester aus dem Puschlav, die beide derzeit im Kanton Zürich arbeiten. Matteo Tuena, der erst vergangenes Jahr zum Priester geweiht wurde, erzählte davon, welche Personen ihn in seiner Kindheit und Jugend besonders geprägt hatten und wie er seine Kindheit und Jugend in der Kirche erlebt hatte. Die Berufung zum Priestertum könne man nicht erzeugen. Aber die Prägungen seiner Kindheit und Jugend waren so entscheidend, dass er den Ruf hören und ihm folgen konnte.
In seinem Statement rief er dazu auf, den Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten anzubieten, mit dem Glauben und mit Gott in Berührung zu kommen und den Kindern Christus bekannt zu machen. Für kirchlich Engagierte bedeutet das, den Glauben mit Überzeugung zu leben und weiterzugeben. Ein übertriebener Campanilismo kann hier mehr schaden als dienen. Denn der Campanilismo beschreibt eine Kirche, die nicht über die eigene Kirchturmspitze hinausschaut. Der Campanilismo als Sinnbild für einen kirchlichen Lokalpatriotismus, der nur den eigenen Kirchturm im Zentrum sieht, führt zu einem Nebeneinander des kirchlichen Lebens und letztlich zu einem Auseinanderleben. Die Herausforderungen unserer Zeit lassen sich aber mit einem Nebeneinander oder gar einem Gegeneinander von Einzelkämpfern nicht bestehen. Es braucht die Gemeinschaft und es braucht die Zusammenarbeit und die Verbundenheit – über den eigenen Kirchturm hinaus.
Der zweite Priester, der an diesem Tag für ein Statement eingeladen war, war Ugo Rossi, der seit einigen Jahren für die Gassenarbeit des Vereins incontro im Langstrassenquartier in Zürich tätig ist. Er gab nicht nur ein Statement, sondern einen spirituellen Impuls. Er las aus dem Evangelium und erinnerte an den Hirten, der seine Schafe kennt – und dessen Stimme die Schafe kennen. Der Hirte, der seine Schafe auf die Weide führt und zur Not ein verirrtes Schaf sucht. Der Platz des Hirten kann nicht nur im Stall sein. Ein Hirte, der nur im Stall ist, verpasst es, seine Herde von Weide zu Weide zu führen und die verirrten Schafe wieder einzusammeln. Ugo Rossi verglich den Stall mit einem Pfarramt oder der Sakristei. Ein Pfarrer, der sich nur im Pfarramt oder in der Sakristei bewegt, verpasst es, bei den Menschen zu sein, die Sorgen und Nöte der Menschen wahrzunehmen und die Menschen zu begleiten. Nicht nur die an die Aufgaben der jeweiligen Zeit angepassten Formen der Zusammenarbeit sind zu fördern. Sondern auch der Grundauftrag der Kirche muss immer wieder neu in die Zeit hineingedeutet werden.
Die Mitglieder des Seelsorgerates sowie die anwesenden Puschlaverinnen und Puschlaver nahmen viele der Impulse auf. In einem von Eric Petrini vorbereiteten World-Café wurde auf sechs Themenbereiche des Vormittags vertieft eingegangen. In den jeweiligen Dekanatsgruppen diskutierten die Teilnehmenden anschliessend die vielen Gedanken, um mögliche Punkte zu erarbeiten, die realistisch und in nächster Zeit umgesetzt werden können.
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Die Aufgaben der Kirche sind im Puschlav nicht anders als in der Churer Herrschaft oder in anderen Regionen. Die Herausforderungen sind ähnlich, nur vielleicht von Region zu Region verschieden verteilt. Es sind die Herausforderungen, die das 21. Jahrhundert an die Kirche stellt – aber auch die Herausforderung, als Glaubensgemeinschaft nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Der Glaube ist nach wie vor relevant. Nur muss die Kirche wieder eine Sprache finden, die diese Relevanz im Leben aufzeigt. Wenn die Kirche keine Sprache mehr findet und oder vor lauter Traditionalismus die eigene Sprache nicht mehr verständlich machen kann – dann werden es andere Glaubensgemeinschaften und Gruppierungen sein, die die Menschen heute ansprechen und die Kirchen verdrängen.
Die Kirchen müssen ihre Nabelschau überwinden und vor allem wieder auf die Menschen vor Ort zugehen und mit ihnen kooperieren. Sich vernetzen und verbinden sind hier die gesuchten Schlagwörter. Nicht nur, um gemeinsame Strukturen zu schaffen. Sondern um gemeinsam und vereint Gott wieder in dieser Welt zur Sprache zu bringen und Möglichkeiten zu schaffen, Gott und den Glauben zu erfahren.
Ein erster Ansatz ist sicher das gemeinsame Gespräch und gute Formen der Zusammenarbeit zu suchen. Den Campanilismo aufbrechen und dazu beitragen, dass das Evangelium Jesu Christ – die froh machende Botschaft von der nahen und alles Leben umspannenden Liebe Gottes – in der Welt leuchten kann.
Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Impulse der Tagung nun in den Regionen und den Pfarreien unseres Kantons fortsetzen. Schwester Rita sagte zu Beginn der Tagung bei der Betrachtung des Kreuzfensters, dass die Strahlen der Liebe Gottes von Altar aus durch das ganze Kloster führen bis hinaus in die Welt. Und wir alle tragen diese Strahlen hinaus und überall dorthin, wo wir im Namen Gottes wirken.
Eric Petrini | Theologe
Fachbereich Jugend/Pastoral & Ökumene
Mitarbeiter in der Aus- und Weiterbildung
