Impulstext im Januar 2026

alles nochmal auf Anfang

In manchen Regionen der Schweiz wurde am 13. Januar das Alte Silvester gefeiert. Berühmt und weit über die Grenzen hinaus bekannt ist vor allem das Silvesterchlausen im Appenzellerland. 13 Tage nach dem allgemeinen Silvester wird wie ein zweiter Jahreswechsel zelebriert. Aber auch in anderen Regionen wie beispielsweise im Unterengadin und in Samnaun, Lichtenstein oder in Schottland kennt man noch Bräuche, um das ‘Alte Silvester’ zu feiern.

Diese Brauchtümer des Alten Silvesters gehen zurück auf die Kalenderreform von Papst Gregor XIII, der am Ende des 16 Jhd. eine neue Berechnung der Kalenderzählung in Auftrag gab. Der bis dahin gültige julianische Kalender (der noch auf Julius Caesar zurück ging) wurde über die Jahrhunderte ungenau. Er ging sozusagen im Verhältnis zum Jahreslauf der Sonne um gute 10 Tage vor. Gemessen wurden dabei die Sonnen- und Mondphasen und wie diese sich im Verhältnis zu bestimmten Festtagen im Jahr immer weiter verschoben. Das julianische Kalenderjahr war mit seinen durchschnittlich 365,25 Tagen ca. 11 Minuten länger als ein Sonnenjahr. Und diese scheinbar vernachlässigbare Ungenauigkeit führte nach 1500 Jahren zu einer Verschiebung von ca. 10 Tagen zwischen dem astronomischen und dem kalendarischen Frühlingsbeginn.

Papst Gregor verordnete also einen neuen Berechnungsansatz für den - bis heute gültigen – und nach ihm benannten gregorianischen Kalender, der dann 1582 durch die päpstliche Bulle ‘inter gravissimas’ eingeführt wurde. Im Jahre 1582 wurden 10 Tage aus dem Jahr gestrichen und auf den 04. Oktober folgte bereits der 15. Oktober.

Es dauerte dann einige Zeit, bis dieser neue Kalender flächendeckend Anerkennung fand. Es ist naheliegend, dass dem Papst nahestehende katholische Herrschaftshäuser bzw. Gebiete den gregorianischen Kalender im Verlauf weniger Jahre einführten. Dem Papst eher distanziert gegenüberstehende reformierte Gebiete brauchten ein wenig länger. Die Königreiche Spanien, Portugal oder die Republik Venedig beispielsweise schlossen sich der Einführung des neuen Kalenders unmittelbar dem Kirchenstaat an. Andere Regionen folgten wenige Jahre später. Schwierig war es in Regionen, die nicht einheitlich reformiert oder  katholisch geprägt waren. Das katholische Herzogtum Bayern bspw. folgten der Bulle des Papstes bereits ein Jahr später 1583. Das reformierte Herzogtum Preussen erst 1612. In der Schweiz schlossen sich die meisten katholischen Orte wie Luzern oder Freiburg bereits 1583/84 der Kalenderreform an, während reformierte Orte wie Basel, Bern oder Genf erst 1701 den neuen Kalender übernahmen. Auch in Graubünden verlief die Einführung aufgrund der Religionsfreiheit nicht einheitlich: Einige katholische Gemeinden folgten dem Papst 1623/24, während  reformierte Gemeinden über 150 Jahre zögerten.

Der Kanton Appenzell Ausserrhoden führte den Kalender erst mehr als 200 Jahre später ein (und zelebriert die Zeit der Rebellion heute noch mit dem Silvesterchlausen) und die letzten Bündner Gemeinden erst 1812. Grüsch und Schiers wurden damit die zweifelhafte Ehre zuteil, die letzten Gemeinde in Zentral- und Mitteleuropa zu sein, die den Gregorianischen Kalender annahmen.*

Mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders wurde aber nicht nur der Form nach ein von einem katholischen Papst neu berechneter Kalender eingeführt. Die überschüssigen Tage zwischen den beiden Kalendern fielen im wahrsten Sinne des Wortes einfach aus und wurden gestrichen. Ganze 10 Tage wurden 1582 gestrichen und 1812 waren es grob überschlagen nochmals gute 2 Tage mehr.

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Zum aktuellen Zeitpunkt des Schreibens dieses Textes frage ich mich, wie es wäre, gewisse Tage aus dem Kalender einfach zu streichen und welches das sein sollten? Ist es möglich, gewisse Ereignisse einfach zu vergessen und weiterzugehen? Oder – würde es helfen, wenn wir wie die Appenzeller Silvester zweimal feiern?

In den vergangenen 15 Tage ist einfach zu viel geschehen und ich kann kaum alles aufzählen, was mir durch den Kopf geht. Ich muss zugeben – die veränderte Weltordnung macht mir Angst. Und Katastrophen wie in Crans-Montana zeigen mir mit brutaler Direktheit, wie sprach- und machtlos ich doch bin.

Es braucht Kraft und Mut, sich abseits der grossen Weltordnung und Regulierungen der schmerzhaften Ohnmacht auszusetzen, wenn Schläge das eigene Leben erschüttern – denn gegen diese Schläge sind wir machtlos. Hätte die Katastrophe von Crans-Montana verhindert werden können? Hätte man xyz verhindern können? Können wir da und dort nicht Erinnerungen, Ereignisse und Erschüttern einfach streichen? Ich weiss nicht, ob diese Fragen jemandem helfen. Aus dem kollektiven Gedächtnis einfach streichen und vergessen ist sicher nicht hilfreich. Sich der Ohnmacht bewusst sein – und gegenseitig stützen vielleicht schon.

Aber gegen die neue Weltordnung, die sich zurzeit anbahnt, können wir uns wehren. Papst Gregor reformierte den Kalender, weil es nötig war. Auch heute sehen wir Defizite im weltweiten Geschehen und auch hier braucht es Kraft und Mut, Dinge, die vollkommen aus dem Ufer laufen, zu korrigieren und sich gegen Machtübernahmen und Machtspiele zu wehren.

Ich kann und möchte keinen einzigen Tag aus meinem Gedächtnis streichen. Aber ich möchte die Tage nicht mehr verstreichen lassen – und aus lauter Ohnmacht den Mut verlieren. Wo immer möglich: schenken wir einander Mut und Hoffnung. A tuottas e tuots ün bun on nouv.

 


Eric Petrini | Theologe
Katholische Kirche im Kanton Graubünden
Fachbereich Jugend /Pastoral & Ökumene

 

 

* für mehr Hintergründe zum Alten Silvester:
https://www.swissinfo.ch/ger/kultur/500-jahre-reformation_-mit-dem-pruegel-in-der-hand/43017426

https://www.suedostschweiz.ch/zeitung/grusch-und-schiers-sperrten-sich